Es wird viele erstaunen zu erfahren, dass das sächsische Pferd einst ein prachtvolles Barockpferd allererster Güte war.
Es heißt, dass die Spanier bereits im 8. Jahrhundert einen stärkeren und schwereren Pferdeschlag aus Sachsen besessen hätten.[i] Das Sächsische Warmblut, später ‚sächsisch-thüringisch‘ und ’schwer‘ genannt, entstand jedoch erst als eigene Rasse ab ca. 1488.
In diesem Moment kam es zu einem Import edler Pferde aus dem zusammengebrochenen Byzanz nach Mitteleuropa. Da der sächsische Kurfürst auch Reichserzmarschall war, schenkten ihm der Kaiser und andere Kurfürsten nach und nach diese „türkischen“ Pferde, die eigentlich Nisäer waren. Der Nisäer war das Star-Pferd der Antike und wird von den Historienschreibern wie Herodot, Vegetius und Isidore von Sevilla über 1.500 Jahre als das beste Reitpferd und Liebling der Kaiser erwähnt.

Abbildungen von Festlichkeiten am sächsischen Hof im 16. Jahrhundert zeigen edelste Reitpferde, die man an der Hand in Übungen der Reitkunst vorstellt. Man bildet Türken und Mohren nach und die Courbette darf nur der Kurfürst August selbst zeigen.
Diese Pferde, die der noch ernestinische Kurfürst wohl nach Bleesern in sein Gestüt sendet, gehen nach der Schlacht von Mühlberg 1547 und einem dem vorhergehenden Pferderaub an die Albertiner über. Im Jahr 1549 verstärkt ein Import 20 neapolitanischer Stuten und wahrscheinlich auch Hengste durch Moritz von Sachsen die Herde.[1] Es folgen weitere Zuführungen von Stuten und Hengsten aus der Türkei und aus Italien zur Zeit des späteren Kurfürsten Christian I. (1560-1591).[ii] Dazu kamen spanische Hengste, friesische Stuten[iii] und, ihrerseits auf dem Neapolitaner basierende, Frederiksborger.
Die Zucht in Sachsen wurde damit so bedeutend, dass sie auch andere inspirierte. So wuchs Anthon Günther von Oldenburg erst in Kopenhagen auf und kam dann an den eng verwandten[iv] und aufgrund des Silberbergbaus wesentlich reicheren Dresdner Hof zu Kurfürst August. In der Folgezeit gründete auch er – auf Basis von Neapolitanern – den damals noch ramsköpfigen, barocken Oldenburger.
(Angemerkt sei hier, dass wir das Wort ‚barock‘ benutzen, weil es im Zusammenhang mit derartigen Reitkunst-Pferden oft benutzt wird, aber das alles spielte sich natürlich in der Renaissance ab, in der die Reitkunst wirklich entstand.)
In Dresden brachte man auch später immer wieder Neapolitaner und Pferde aus Mantua in die Ställe. Man schuf sich damit ein aussergewöhnlich gutes Pferd und die Bemühungen resultierten in einer ersten einheimischen Rasse.

Der eigentliche Sachse war dem Pferdetyp ähnlich, den Herrscher wie August der Starke reiten. Man sieht eine exzellente Hankenbeugung, Ramsnase und feine Glieder. Das Pferd basiert auf dem Nisäer, nicht auf dem englischen Vollblut, und kann daher Last aufnehmen und in die Pesade und Courbette gehen.
Wenig später wird jedoch in den sächsisch-kurfürstlichen Ställen noch keine sächsische Rasse erwähnt und Engelhard von Löhneysen, der als Bereiter am Dresdner Hof wirkte, benennt die heimische Zucht nicht als eigenen Typus, sondern spricht nur allgemein vom ‚deutschen Landpferd‘ bei dem man neuerdings sehr gute Pferde fände.[v] Reisende aus dieser Zeit vermerken allerdings, dass die Pferde nach Rassen geordnet im Hofstall in Dresden standen und eins der drei Schiffe deutsche Pferde enthielt.[vi] Der berühmte sächsische Rittmeister Baron von Eisenberg schreibt dann 1723 ebenfalls, dass aufgrund der Importe von Türken, Neapolitanern und später Spaniern die deutschen Pferde an den Fürstenhöfen exzellent wurden.
Sobald man sich von Sachsen entfernte, wurde das sächsische Pferd zum Exoten. Und so sieht man denn durchaus eine sächsische Rasse im Stall des illegitimen Sohnes von Karl V., Don Juan de Austria, dem Gewinner der Schlacht von Lepanto, stehen. Stradanus zeichnet sie um 1576, also noch vor dem Bau des spektakulären Kurfürstlichen Stalls in Dresden, dessen Reste heute als Johanneum verkümmern.[vii] Der sächsische Hengst zeigst sich dort dem Zeitgeschmack entsprechend üppig. Auch Hans Kreutzberg zeichnet die Rasse 1562 in seinem in Augsburg erschienen Buch.[viii]
Ab wann genau der Nisäer und der davon abstammende Neapolitaner den ursprünglichen sächsischen Landschlag völlig verdrängt, ist schwer zu sagen. Aber man kann gemeinhin davon ausgehen, dass das sächsische Pferd aus den kurfürstlichen Ställen ab Mitte des 16. Jahrhunderts barocke Formen hatte und seinem berühmten Ahnherrn dem Neapolitaner nahekam. Das heißt, es hatte einen gewölbten Hals und ein konvexes Maul, den berühmten Adlerschnabel, vorstehende Augen, kleine Ohren, zierliche Gliedmaßen und viel Hinterhand. Genau dies sieht man dann auch auf dem bekannten Bild August des Starken von Silvestre und im Standbild des ‚Goldenen Reiters‘.[ix]

Auch das Isabel-gescheckte Lieblingspferd August des Starken, welches nach dem St. Petri Kloster in Merseburg ‚Merseburger‘ genannt wurde und eine 8 m lange Mähne hatte, [x] war wohl Neapolitaner[2], vielleicht gemischt mit einem Spanier.[xi] Dafür sprechen die konvexe Nase des Neapolitaners und der gebogene Hals und die lange Mähne des Spaniers.
Das heutige Sächsisch-Thüringische Warmblut rührt aus diesem Bestand der sächsischen Gestüte her, aber erlebte durch den 30-jährigen Krieg und die nachfolgenden Konflikte, wie etwa die napoleonischen Kriege, heftigste Rückschläge. Um ein Beispiel zu geben, mussten gegen Ende Mai 1757 aus den Gestüten Graditz, Repitz, Döhlen, Merseburg und Wendelstein 96 fünf-, vier- und drei-jährige Stuten und am 29. Oktober desselben Jahres erneut 7 Pferde nach dem Feldlager in Prag ausgeliefert werden. Die verbleibenden Tiere hatten kein Futter. Klagen über ähnliche Ereignisse liest man häufig in den Archiven.
Noch 1764 wurden erneut Spanier und Berber als Dressurpferde und Neapolitaner, Lombarden und Dänen für die Kutschen des Dresdner Hofstalls gekauft. Danach wurde Inzucht betrieben oder der Stall vom Feind geplündert. Alarmiert, empfahl Oberstallmeister v. Swinarski im Jahr 1788, die Blutlinien mit spanischen und neapolitanischen Hengsten sowie dänischen und holsteinischen Stuten aufzufrischen, und kritisierte heftig, dass die Einkreuzung mit englischen und türkischen Pferden (man kann davon ausgehen, dass er bei letzteren nunmehr von Achal-Tekkinern spricht) im Gestüt Kalkreuth nur hochbeinige und spillige Pferde ergeben habe.[xii]
Man begann jedoch, mit der Einmischung von englischen Vollblütern Pferde für Rennen zu ziehen, um Gewinne zu erzielen. Deren ungeregelte Kreuzung mit dem bis dahin gedrungeneren Barockpferd erwies sich als katastrophal und resultierte, wie Schlaberg schreibt, in einer ‚planlosen Verbastardierung der Pferde‘[xiii].
Das Zuchtziel wurde daher nach einer Sitzung einer königlichen Kommission 1793 ausdrücklich erneut als barockes Pferd festgeschrieben. Es sollte gerade gewachsen, munter und frisch sein, einen Ramskopf und keinen Schweinskopf haben, kleine spitze Ohren und helle Augen besitzen, und zudem eine breite Brust und breite Schultern, sowie vor allem nicht langbeinig sein.[xiv]
Eine klare Absage an die einsetzende Anglo-Manie und das englische Vollblut.
Es war jedoch zu spät. Man konnte sich nicht zwischen Courbette und Ackerdienst entscheiden und es fehlte an guten Hengsten. Fehlende Zuchtkompetenz, Geldmangel, die immer wieder erfolgende Requirierung von Pferden fürs Militär[xv] sowie ein züchterisches Chaos ziehen sich von da an wie ein roter Faden durch die Geschichte der sächsischen Gestüte.[xvi]
Wie fast alle Barockrassen erlebte das Sächsische Warmblut schließlich im 19. Jahrhundert ein trauriges Schicksal. Vollblut, jetzt ebenfalls auf dem Achal-Tekkiner Darley Arabian basierende Oldenburger[xvii] und Ostfriesenblut wurden eingemischt, um den Sachsen als Jagd- und Militärpferd, und schließlich nur noch als Kutschpferd, ab 1828 sogar nur noch als Arbeitstier vor dem Pflug verwenden zu können. Die Folgen waren verehrend.[xviii] Man machte aus dem noblen Streitross letztendlich einen Ackergaul.
Die ursprüngliche pralle Form, starke Kruppe und Farbenpracht des sächsischen Pferdes der Renaissance und des Barocks wurde auf schwarz reduziert, um in Kutsch-Formationen dienen zu können. Es wurde vorderlastig und schwer. Dabei hatte die Rasse in der Renaissance alles Potential besessen, um den gleichen Ruhm wie die heutigen Lusitanos und PRE zu erringen.
Ein ähnliches Schicksal traf auch andere Barock-Rassen, deren volle Formen nicht mehr gewünscht waren und die keine letzte Heimat in einer Hofreitschule wie Wien gefunden hatten, wie etwa den Kladruber. Bei Letzteren ist heute rekonstruktive Zuchtarbeit im Gang und zeigt erste, ermutigende Erfolge, die auch mithilfe von Gen-Tests dirigiert werden.
Im Fazit kann man sagen, dass sich bei den Sachsen, genau wie bei den Oldenburgern, Rottalern, Hannoveranern und den meisten anderen alten Rassen, der Pferdetyp so sehr verändert hat, dass es sich nicht mehr um die gleiche Rasse handelt, wie in der ausgehenden Renaissance, als man die Zucht mit Reitkunstpferden begonnen hatte.
Es wäre daher falsch, eine von ihnen als ‚älteste Rasse Deutschlands‘ zu bezeichnen.
Man kann lediglich sagen, dass man in den betroffenen Regionen schon seit Langem Pferde züchtet. Eine ähnlich beeindruckende und langlebige Qualitätssicherung wie bei den antiken Nisäern gab es jedoch nicht. Man stellte den Typ jeweils nach Nutzungszweck um.
Wöllte man das sächsische Pferd wieder zu einem guten Pferd züchten, müsste man heute beim Lusitano nach muskulösen Pferden mit viel Hankenbiegung und konvexer Nase suchen und ihn einkreuzen.
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[1] Der anglo-sächsische König Athelsthan erwähnt in seinem Testament namentlich seine sächsischen Pferde (um 939). Diese kamen jedoch vermutlich aus Niedersachsen. Tacitus, Vegetius und Cassiodor schwârmen jedoch ihrerseits bereits von silbernen thüringischen Pferden.
[2] „Spanier“, „Neapolitaner“, „Berber“ waren oft Regionsangaben. Man kaufte nach Nutzungsbedarf, im Gegensatz zu dem heutigen Ansatz des Foundereffekt (kritisiert mit dem schönen Spruch „Auf den Papieren kann man nicht reiten“).
[i] Johne, Albert, Geschichte der sächsischen Pferdezucht auf aktenmäßigen Grundlagen unter Mitw. von Adolf Schlaber, S. 16. Dieses Buch ist online bei der SLUB einsehbar.
[ii] 1586 begibt sich eine von Carlo Theti und Heinrich von Hagen geleitete Delegation nach Italien und bringt 28 Pferde aus Mantua, Ferrara, Florenz und Turin heim. Dem war bereits eine 1572 von Rocco Linari geleitete Pferdesuche vorausgegangen.
[iii] Johne, Albert, Geschichte der sächsischen Pferdezucht auf aktenmäßigen Grundlagen unter Mitw. von Adolf Schlaberg, S. 21
[iv] Die Frau von August von Sachsen, Anna von Dänemark, kam aus dem Haus Oldenburg. Ihr Bruder gründete die Zucht der Frederiksborger.
[v] In Löhneysen, Cavalleria, Das deutsche Landpferd
[vi] Des Augsburger Patriciers Philipp Hainhofer Reisen nach Innsbruck und Dresden, Hainhofer, Philipp, 1578-1647 einsehbar unter https://archive.org/details/desaugsburgerpat00hain/page/n9/mode/2up
[vii] Stradanus, Equile Joannis Austriaci Caroli v. Imp. F., Saxo
[viii] Kreutzberger, Hans. Warhafftige und Eygentliche Contrafactur und Formen der Zeumung und gebisz… der Pferdt, wie dern arten nach ordnung verzeychnet seind, nutzlich unnd dienstlich, sampt iren zugehörenden Naszbändern, Cauczoni, Stegreyf, Sporn, unnd anderem so zu artlicher Reyterey notwendiger weysz erfordert wirdt. Augsburg: 1562.
[ix] Es wird teilweise behauptet, es handele sich um einen Lipizzaner, diese gab es jedoch erst ab 1786.
[x] Es ist unklar, ob das spektakuläre Pferd August des Starken aus Merseburg oder Zeitz kam. Das Herzogtum Sachsen-Zeitz wurde 1652 von Kurfürst Johann Georg I. von Sachsen in seinem Testament für einen seiner vier Söhnen festgelegt. Es entstanden zudem die Herzogtümer Sachsen-Merseburg und Sachsen-Weißenfels. Moritz, der jüngste Sohn, trat 1657 die Regierung des Herzogtums Sachsen-Zeitz an. Mit dem Tod seines Sohnes, Moritz Wilhelm, fiel 1718 das Herzogtum an das Kurhaus in Dresden zurück. Das gleiche geschah 1738 mit Sachsen-Merseburg. Die Chronik der Stadt Weißenfels, nach Quellen bearbeitet von Carl August Gottlob Sturm (Weißenfels 1846) erwähnt für das Jahr 1671, dass ein „merkwürdiges Pferd“ durch die Stadt geführt wurde. Ein Oldenburger Hengst, ein stattliches Tier von blendenweißer Farbe, mit einer 7 3/4 Ellen langen Mähne und einem 8 1/2 Ellen langen Schweif. Dies wurde Zeitzische Langmähne genannt. Herzog Moritz zu Sachsen-Zeitz machte dieses „Wundertier“ Herzog Johann Adolph I. von Sachsen Weißenfels zum Geschenk. Aufgrund der Referenz an die Oldenburger kann es sein, dass die Zeitzer Pferde von dem Hengst ‚Kranich‘ abstammten, dem extrem langmähnigen, neapolitanisch-stämmigen Lieblingspferd von Anton Günther von Oldenburg und Delmenhorst (geb. 10. November 1583 in Oldenburg; gest. 19. Juni 1667 in Rastede), der um 1633 geboren worden sein soll. Sicher ist dies jedoch nicht.
[xi] 1748 kamen erneut 18 Spanier in die Kurfürstlichen Gestüte, 1766 erneut 20 Stück. Diesmal weiß man auch, dass sie aus dem Gestüt Pedro Gil aus Obida stammten.
[xii] Johne, Albert, Geschichte der sächsischen Pferdezucht auf aktenmäßigen Grundlagen unter Mitw. von Adolf Schlaberg, Leipzig, 1888, S. 14, einsehbar in https://digital.slub-dresden.de/werkansicht/dlf/94838/379
[xiii] ebenda
[xiv] ebenda
[xv] Merseburg verlor zum Beispiel im Jahr 1813 nicht weniger als 101 Gestütspferde. Siehe Albert Johne, Die Geschichte der sächsischen Gestüte, S. 37
[xvi] Burchardi, Eduard „von Ursache und Abhülfe der mangelhaften Pferdezucht im Königreich Sachsen“, Leipzig, [circa 1855]; Tennecker, Christian Ehrenfried Seifert von, „Ueber due vernachlässigte Pferdezucht vorzüglich im Königreich Sachsen, 1827, Erschienen in: Sächsische Provinzialblätter; (1827), Seite 42-46
[xvii] Die Zucht der Oldenburger hatte einen ähnlichen Weg. Während noch Anthon Günther von Oldenburg Delmenhorst den berühmten barocken Kranich ritt, der aus neapolitanischem Blut stammte und einen Ramskopf hatte, stammt heute der Oldenburger über Donnerhall von Darley Arabian ab, also einem Achal-Tekkiner. Es ist es daher nicht mehr die gleiche Pferderasse.
[xviii] ebenda

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