Man hört in letzter Zeit oft den Begriff ‚klassische Reitweise‘. Dieser seit ein paar Jahren in Deutschland verwendete Terminus ist eine Finesse. Da keine heutige Reitweise ausschließlich auf der Antike oder der Weimarer Klassik aufbaut, den Zeitperioden, die man üblicherweise als klassisch bezeichnet, nennen sowohl Reiter, die den Stil von Renaissance und Barock bevorzugen als auch Reiter, die im englischen Sportstil reiten ihren Stil ‚klassisch‘. Der Begriff stellt jedoch lediglich einen Kompromiss dar, um jedem Ego gerecht zu werden. Er ist jedoch nicht hilfreich, wenn man versucht, den Sinn der verschiedenen Reitlektionen zu verstehen.
Richtigerweise kann heute in Mitteleuropa neben dem einfachen Gebrauchsreiten von A nach B in zwei hauptsächliche Reitweisen unterschieden werden:
- Die Reit-Kunst als freie schöpferische Gestaltung und subjektiver Ausdruck.
Sie entstand als Prunkreiten in der Renaissance.
Das Aussehen der Pferde, ihre Farbe und die Kleidung des Reiters sind individuell unterschiedlich. Die benutzten Pferde basieren auf dem Typ des Nisäers, das heißt, sie haben weiche Gänge, ca. 160 cm Stockmaß, eine starke Hinterhand und eine volle Kruppe. Man bildet das Pferd mittels Piaffe zum schwingenden Senken der Hanken bis in Pesade und Schulsprünge aus. Dieser Stil wird (fälschlicherweise) oft auch als akademisch, Barockreiten oder als iberisch bezeichnet.
Die Winkelung der Hanken des Pferdes muss von der Morphologie her so stark sein, dass eine Verlagerung des Gewichts von Pferd und Reiter auf diese möglich ist, ohne den Schwung zu verlieren. Das benutzte Pferd darf keinen zu langen Rücken haben und basiert auf dem persischen Nisäer.




- Beim Sportreiten geht es hingegen um das Erreichen von Zielen. Es werden kontrollierbare gleichförmige Aufgaben gestellt, um einen Gewinner im Wettbewerb festlegen zu können. Die Pferde und die Kleidung des Reiters sind daher gleich.
Bestimmt wird der Sport durch den historischen Einfluss der englischen Rennpferde im 19. Jahrhundert, das heisst deren Ahnen die Achal-Tekkiners. Daher benutzt man Pferde zwischen 160 – 175 cm Stockmaß, ausgreifenden Gängen, schlank, langrückig und langbeinig, aufgrund der militärischen Geschichte dieses Sports fast immer braun. Dieser Stil wird oft als englisch bezeichnet.
Unterformen des Sportreitens sind:
- Jagd-, Renn- und Springreiten: Hier läuft das Pferd in seiner Haltung relativ unbeeinflusst. Enge Wendungen sind nicht vorgesehen. Der Reiter stellt lediglich sicher, dass er im Sattel bleibt und die Richtung hält, genau wie die Steppenreiter der Antike. Es geht um das höhere Springen oder schnellere Rennen.
- Turniersport Dressur: Hier sind die Lektionen ein Echo der Reitkunst, sind aber den Realitäten des Achal-Tekkiner-Einflusses unterworfen. Einem engen Wendekreis auf der Hinterhand steht die Länge des Pferdes und die Balanceverschiebung auf die Vorhand entgegen. Das Pferd kann nicht wirklich piaffieren und die Hanken beugen, da es so lang ist, dass es im Falle der vollen Lastaufnahme in die Pesade gehen würde. Verlangt werden daher nur Übungen wie verstärkter Trab und Galopp, aber keine Levaden oder Sprünge über der Erde.
In der zur Show benutzten Form eines ‚Piaffen-Echos‘ erfolgt oft wenig bis keine Lastaufnahme der Hinterhand. Das Pferd hebt jedoch rhythmisch die Beine. In der Sport-Passage wird akzeptiert, dass das Pferd nicht passagiert, sondern sakkadiert von einem Bein auf das andere springt. Das Pferd hat einen starken Vorwärtsdrang und tritt auch vor das Maul aus der Balance heraus.
Die Abgrenzung dieser Reitweisen ist zuweilen fließend. So wurde ursprünglich das Leichttraben nur für den englischen Stil erfunden, wird aber heute in beiden Reitweisen benutzt, um Probleme des Reiters auszugleichen, der sich entweder nicht stabilisieren kann oder Mühe hat, seinen Rücken locker zu machen. Es gibt zudem weitere Reitstile, die auf einem der vorgenannten Stile basieren, wie etwa das Westernreiten und die Rejonada als Formen der Reitkunst.
Es ist evident, dass die Imitation der Reitkunst des Nisäers (das sogenannte ‚Barockpferd‘) durch das Sportpferd des Achal-Tekkiners (alle Pferde, die englischen Vollblut-Einfluss haben) Probleme schafft. Der heutige Missbrauch durch auf-die-Beine-prügeln und Rollkuren wird durch diese fehlende Anpassung der Reitweise an die tatsächliche Morphologie des Pferdes verursacht. Man sollte die Reitweise dem Pferd anpassen und nicht das Pferd der Reitweise.
Es wäre angemessen, bei internationalen Wettkämpfen, wie etwa Olympia, in zwei Sorten Prüfung zu unterscheiden:
- Reitsport (i.e. Springen; Dressur des verstärkten Trabes, rennen… also SPORT), und
- Reitkunst, im Sinne künstlerischer Leistung, wie sie auch bei künstlerischer Gymnastik oder Eislaufen abgefragt wird (Schulsprünge, Piaffe, Passage und …. KUNST).
Piaffe, Passage und Pirouette sollte dem Nisäer vorbehalten bleiben, denn wer fragt schon einen Eisschnellläufer, eine Pirouette einzubauen?
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Dr. Ulrike Ortrere
ArtEquestre
info@artequestre.org

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