Reiterisches Welterbe in Dresden – Die Einschreibung der Klassischen Reitkunst bei der UNESCO

Das Welterbe-Label der UNESCO ist nicht nur eine Auszeichnung für Kulturerbe-Stätten, sondern auch ein Symbol für deren kulturelle und historische Bedeutung auf globaler Ebene. Dresdens Elbtal, einst stolzer Träger dieses prestigeträchtigen Labels, verlor die Auszeichnung vor nunmehr fast zwei Jahrzehnten. Man muss jedoch die Frage aufwerfen, ob Dresden nicht versuchen sollte, das Label zurückzugewinnen. Mehr noch – es könnte für seinen Hofstall mit Stallhof die erste Doppel-Einschreibung als Welterbe und als Ort der Ausübung einer immateriellen Kulturerbe-Tradition beantragen.

Die UNESCO-Listen

Es gab keinen Ritter ohne Pferd und keinen König ohne Kavallerie. Kein anderes Tier hat die Geschichte der Menschheit gleichermassen beeinflusst wie das Pferd.

Die UNESCO-Welterbeliste [1.1] enthält daher bereits zahlreiche Stätten der reiterlichen Tradition, wie die Cavallerizza Reale in Turin (Italien), die Reithallen in den tschechischen Schlössern von Český Krumlov, Valtice und Lednice und in der Burg Budapest in Ungarn, um nur einige zu nennen.

Auch die Liste des immateriellen Kulturerbes der UNESCO [1.2] ehrt Reitertraditionen, wenn auch noch in disparater Weise. So sind die Akhal-Teke und die Lipizzaner Pferdezucht eingetragen, aber (noch) nicht die Andalusische oder Lusitanische Zucht bzw. Reitweise (letztere steht dieses Jahr zur Eintragung an). Die Reitkunst der Spanischen Hofreitschule und der französischen Tradition sind mit ihren Bauten in Saumur und in Wien geschützt.

Die deutsche Nationalkommission hat nunmehr die klassische Reitkunst in Deutschland in das Bundesweite Verzeichnis des Immateriellen Kulturerbes aufgenommen – Voraussetzung, um sie der UNESCO-Kommission zur offiziellen Eintragung vorzulegen.

Hier soll eine Lanze für diese Einschreibung mit Fokus auf Dresden gebrochen werden. Es wird dabei vorgeschlagen:

  • den Dresdner Hofstall mit Stallhof als Ort des Beginns der klassischen Reitkunst in der UNESCO-Liste des immateriellen Kulturerbes (Konvention von 2003) zertifizieren zu lassen.
  • die Einschreibung des Dresdner Hofstalls und Stallhofs, sowie der damit verbundenen Gestüte (Bleesern, Moritzburg, Merseburg und Graditz) als Kulturlandschaft in die UNESCO-Welterbe-Liste (Konvention von 1972) zu beantragen.

Die Gründe liegen darin, dass die Rolle von Dresden in der Entwicklung der Reitkunst und der Museen geschichtlich weit grösser ist als im Allgemeinen bekannt. Dresdens Hofstall und Stallhof:

  • waren entscheidend in der Entwicklung der klassischen Reit-Kunst,
  • waren mit ihren 128 Pferden und deren Ausstattung eins der ältesten Museen der Welt, wenn nicht das älteste (1560/1586),
  • umfassen den einzigen erhaltenen Turnierplatz der Renaissance,
  • besassen ein Reithaus, das das erste der Welt war (1618),
  • beherbergten in dem 1549 auf Neapolitaner-Blut begründeten sächsischen Warmblut eine der ältesten Barockrassen der Welt.

Die Klassische Reitkunst

Die ‚Klassische Reitkunst‘ ist nicht deutsch, französisch oder österreichisch. Dies hindert nicht die Einschreibung dieser Kunst in die Liste des immateriellen Kulturerbes der UNESCO für Frankreich, Österreich oder Deutschland. Die UNESCO-Liste beabsichtigt, die Ausübenden zu ermutigen und die Tradition zu schützen. Die Einschreibung wird jedoch oft fälschlich als eine Art Monopolisierung verstanden.

Machen wir uns die Zusammenhänge klar:

Die Ursprünge der sogenannten ‚klassischen‘ Reitkunst liegen im 16. Jahrhundert. Obwohl die Menschheit bereits über Jahrtausende geritten war, wurde die heutige Dressurmethode in diesem Moment entwickelt. Sie entstand durch die länderübergreifende Weitergabe von Wissen und Können auf den Schlachtfeldern Europas in den Italienkriegen, Hugenottenkriegen und im Schmalkaldischen Krieg. Beteiligt waren griechische Stradioten, deutsche Reiter, ungarische Husaren, Spanier und Italiener.

Der Grund des Wandels lag in einer Reihe von Veränderungen im militärischen Bereich, die die Bedeutung des Pferdes und der Kavallerie als ‚brutale Angriffsmasse‘ in der Schlacht verringerten, aber deren Wert als Symbol des Adels und als wendiges Angriffswerkzeug erhöhten. Bereits in der Schlacht von Agincourt im Jahr 1415 hatte der Einsatz des Langbogens durch die englischen Bogenschützen die Verwundbarkeit der französischen Ritter gezeigt. Das anschließende Aufkommen der in Deutschland erfundenen Radschlosspistole besiegelte den drastischen Rückgang des taktischen Werts der schweren gepanzerten Kavallerie. Zudem wechselte man von der ritterlichen schweren Lanze zum leichten Schwert.

Es kam zur Änderung in Sitz, Benehmen und Haltung der Reiter und einer veränderten, tiergerechteren Ausbildung des Pferdes.

Während die Rolle der Italiener oft übertrieben dargestellt wird, hatten sächsische Reiterregimenter (die Schwarzen Reiter) und die sächsischen Kurfürsten eine entscheidende Rolle in diesem Prozess. 1528 wurde bei der Belagerung des spanisch-besetzten Neapels durch die Franzosen klar, dass es leichte Reiter brauchte und deutsche Reiter und Landknechte waren zu Tausenden dabei.

In der Folge entwickelten die Truppen von Moritz von Sachsen im Jahr 1547 in Anwesenheit von Kaiser Karl V., des Herzogs von Alba und wichtiger italienischer Fürsten wie den Gonzaga und Medici neue Reitmanöver wie das Caracollo im Umfeld der Schlacht von Mühlberg in Sachsen.

Von da an setzte sich die neue Reitweise durch. In Italien erschienen zwei beschreibende Bücher von Federigo Grisone [2] und Cesare Fiaschi [3], das erste deutsche Reitbuch von Löhneysen [4] folgte 1576, veröffentlicht in Dresden.

Während die Italiener ‚Reitakademien‘ gründeten, die trotz ihres Ruhms nur Lehr-Gesellschaften im Freien vor der Stadtmauer waren, gründete man in Dresden im Jahr 1586 den enormen Hofstall, Stallhof und wenig später das erste Reithaus der Welt.

Die erste Darstellung eines Pferdes der sächsischen Rasse bei Stradanus, Equile (1580)

Die herausragende Bedeutung von Hofstall und Stallhof in Dresden

Will man die deutschen reiterlichen Traditionen würdigen, muss man daher in Dresden beginnen.

Dresdens Stallhof und Hofstall aus dem Jahr 1586 inspirierten mit ihren blendenden Sgrafitti-Dekorationen, hohen Arkaden und reichen Verzierungen unzählige Nachahmer und Bewunderer. Sie waren unter den ersten in einem Wettlauf, der in diesem Moment vielerorts stattfand, wie auch in der Wiener Stallburg und im Münchner Marstall zu sehen ist.

Der Hofstall in Dresden enthielt dabei anfänglich 128 exotische Hengste (später verfünffachte sich diese Summe) in mit Gemälden verzierten Ständen, Dutzende von Pferdefiguren und Schlitten und im ersten Stockwerk eine prächtige Rüstkammer.

Mit diesem Ensemble Pferde & Rüstungen schuf man das älteste Museum der Welt, das die schon bestehende Kunstkammer des Kurfürsten von 1560 vervollkomnete. Zum ersten Mal gestattete man Besuchern in geführten Touren Zugang zu den Besitztümern des Herrschers. Und man zeigte als Mittelpunkt von Prunk und Parade die Pferde.

Der Stallhof und das daneben liegende Reithaus von 1618 waren zudem die Inkarnation des Übergangs von der ritterlichen Turnierreiterei zur klassischen Reitkunst. Während die Kurfürsten noch die letzten Turniere ritten, übten sie bereits nebenan Zirkel und Passagen.

Auch wenn dies teils behauptet (aber nie bewiesen wird) gab es weder in Italien noch in Frankreich vorher die Einrichtung eines geschützten Reitplatzes oder gar Reithauses. Noch Pluvinel, Reitlehrer Ludwig XIII., ritt in einem abgetrennten, ephemeren Platz in den Tuileriengärten, der bei seinem Tod ohne Spur verschwand.

Die bahnbrechenden Entwicklungen in Dresden erfolgten auch, da es im 16. Jahrhundert Hauptstadt einer gerade erst entstandenen (und schon wenig später wieder geschwächten) Weltmacht war. Sein Herrscher Moritz von Sachsen hatte Kaiser Karl V. 1549 über die Alpen gejagt und zum Abdanken gezwungen. Sachsen war damals auf dem Höhepunkt der Macht. Erst der 30-jährige Krieg unterbrach die kaum begonnene Blütezeit.

Der Dresdner Stallhof aus der Renaissance

Die Entwicklung der Pferdezucht im Sachsen der Renaissance

Die sächsischen Fürsten besaßen dabei wie wohl alle mittelalterlichen Herrschaftshäuser Marställe und Gestüte. Im sächsischen Bleesern bei Wittenberg ist jedoch sogar das älteste überdauernde Gestüt der Welt erhalten. Es datiert aus dem Jahr 1449. Die Entwicklung der Reitkunst ging mit der Gründung von Rassen Hand in Hand und auch hier ging Sachsen mit der Zucht des barocken Sächsischen Warmbluts voran.

Kurfürst Moritz von Sachsen wurde am 9. Juli 1553 in der Schlacht von Sievershausen von hinten erschossen. Seine Ritterrüstung ist noch heute mitsamt dem Einschussloch in der Dresdner Rüstkammer zu sehen. Keiner wusste daher besser um die Rolle des Wandels der Nutzung des Pferdes und der Rüstungen in der Schlacht als er und Moritz‘ Bruder August, der ihm mit 27 Jahren auf den Thron folgte.

In diesem Moment gab es am sächsischen Hof bereits enge Beziehungen zu Italien. Moritz hatte aus politischen Gründen Trient, Mantua, Ferrara, Mailand und Venedig bereist. In Zuge dessen brachte er im Jahr 1549 20 Neapolitaner-Stuten mit nach Sachsen. Weitere folgten. So erhielt etwa Christian I. zur Thronbesteigung erneut 8 Stuten (diesmal von den Gonzaga).

Man gründete eine auf dem damals als Non-Plus-Ultra geltenden Neapolitaner die eigene Rasse. Eine Zeichnung zeigt einen der Sachsen im Stall des Sohnes von Karl V., Juan d’Austria.

Die Sammlung des Marstalls kann zusammen mit der Kunstsammlung des sächsischen Kurfürsten im angeschlossenen Residenzschloss aus dem Jahr 1560 den Anspruch erheben das erste echte Museum der Welt zu sein

Artequestre

Eins der Pferde, die die Gonzaga im Palazzo Te in Mantua abbilden ließen. Dieser berühmte Palast war vorhergehend Ort der Ställe der Gonzaga.

 

Erwähnt seien insoweit auch der später bedeutende Marstall mit Reithalle in Schloss Hubertusburg in Sachsen (1721) und die sächsisch-kurfürstlichen Gestüte neben Bleesern (1449) in Merseburg, Graditz (1686) und Moritzburg (1733).

Der Einfluss des Dresdner Marstalls und Stallhofs

Man kann den Einfluss und die Bedeutung der Entwicklungen in Dresden nicht genug unterstreichen. Sie waren kein Stall, sondern ein Palast für Pferde.

In Martin Zeilers (1589–1661) „Itinerarium Germaniae“ (Reisebericht über Deutschland, 1632), war der monumentale Marstall das erste weltliche Gebäude, das in Dresden erwähnt wird. Zeiler schreibt, es handele sich um ein „prächtiges und sehr geräumiges Gebäude“, das man wegen der Pferde und der Kunstwerke im Inneren unbedingt sehen müsse.

Im Erdgeschoss waren die Ställe mit „metallenen Löwenköpfen mit einem Zapfhahn, aus dem Wasser sprudelte“ verziert, und dort befanden sich zahlreiche „spanische, neapolitanische, ungarische, pommersche, friesische, dänische und türkische Pferde“. Jede Art stand neben ihrer eigenen Rasse,…“

1677, Der Dresdner Marstall mit seinem ursprünglichen Renaissance-Giebel, der später umgebaut wurde. Heute sind vom Marstall die Räume des Erdgeschosses mit dem zwei großen Toren erhalten. Die unteren Fenster sind hinter einer Freitreppe verschwunden.
1677, Der Dresdner Marstall mit seinem ursprünglichen Renaissance-Giebel, der später umgebaut wurde. Heute sind vom Marstall die Räume des Erdgeschosses mit dem zwei großen Toren erhalten. Die unteren Fenster sind hinter einer Freitreppe verschwunden.

Der ursprüngliche Marstall und Umbau von 1731. Der Renaissance-Giebel wurde abgebaut und ein Stockwerk hinzugefügt. Die Sgraffiti wurden von der feuchten Dresdner Elbluft zertstört. Dem trug später auch die Erschaffung des Fürstenzugs in Porzellan Rechnung. (rechts: Gravur Bodenehr)

Links: Heutige Gestaltung des Marstalls (Johanneum). Die höheren Fenster wurden eingefügt, als das Gebäude 1744 die Gemäldegalerie aufnahm. Rechts: Die restaurierte Sgraffitifassade im Innenhof des Schloss mit dem originalem Renaissance-Giebel, den ursprünglich auch der Marstall hatte.

Der balkonartige Vorbau des Dresdner Residenzschlosses, der Altan, ist viergeschossig und zuoberst mit einem Dach versehen. Den Bauschmuck ließ man sich zur Entstehungszeit etwas kosten: Aus dem italienischen Brescia reisten die Gebrüder Gabriel und Benedetto Tola an und versahen die Fassaden mittels Sgraffitotechnik mit Szenen aus Bibel und römischer Geschichte. In den Loggien des Altans entstanden farbige Fresken.

Die Darstellung der Kurfürsten und Könige Sachsens auf ihren Pferden an der Aussenseite des Stallhofs (Fürstenzug Dresden).

Zeiler erklärt, dass die oberen Stockwerke des Marstalls Waffen, Rüstungen, Sättel und Schlitten aus verschiedenen Ländern sowie Zeremonienschmuck und Exotika aus türkischen und „indischen“ Ländern (womit man häufig türkisch meinte) enthielten, die bei Turnieren und Balletten verwendet werden konnten.

Die Dresdner Ställe dienten zur Schaustellung fürstlicher Macht und waren mit einer langen, exquisit bemalten und mit Rondellen verzierten Arkade verziert, die sie mit dem Schloss verband. Es gab neben der Rüstkammer im Marstall eine separate Kunstkammer, die 1560 gegründet worden war und die sich im Inneren des letzteren befand, und den privaten Interessen des Kurfürsten August (1526–86) diente.

Zu erwähnen sind zudem die grauen italienischen Sgraffiti und der blendend schöne Altan mit vielfarbigen Fresken im nebenan liegenden Schlosshof (im Zweiten Weltkrieg zerstört, heute restauriert).

Während sie Federigo Grisone 1550 noch unbekannt sind und er beschreibt, wie man Pferde auf gepflügten Feldern vor den Toren der Stadt zureiten solle, schuf man in Dresden das erste Reithaus. Ihm folgten wenig später eines in Bückeburg (1622), auf Schloss Heidecksburg (um 1670), in Gross-Grievitz und in Berlin. Nur das Reithaus von Bückeburg wird noch immer benutzt.

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