In der klassischen Reitkunst werden Pesade und Levade oft verwechselt. Beide gehören zu den spektakulärsten Übungen der Niederen Schule – aber ihr Ursprung, ihre Bedeutung und ihre technische Ausführung unterscheiden sich. Um das zu verstehen, muss man an den Anfang der Reitkunstgeschichte zurückgehen: zur Posata, einer Übung mit erstaunlich alten Wurzeln, die heute mit der Working Equitation erneut an Bedeutung gewinnt.
Die Posata – eine Übung der Meder und Perser
Lange bevor europäische Reitmeister ihre Traktate verfassten, kannten bereits die Reiterkulturen des Orients Übungen, in denen das Pferd sich setzt, hebt und vor allem wendet. Die persischen und medischen Reiter nutzten solche Manöver, um den berühmten Partherschuss auszuführen (der lange vor den Parthern erfunden wurde): Das Pferd hebt die Vorhand an, verlagert das Gewicht auf die Hinterhand und dreht sich um, während der Reiter den Pfeil von seinem Bogen nach hinten über die Kruppe auf den Feind abschießt.
Der Vorteil ist klar – er kann im vollen Galopp zum Feind gelangen, aber trotzdem im Moment des Schusses ein völlig ausbalanciertes, quasi stehendes Pferd unter sich haben. Der Pferdehals ist ihm (oder ihr) nicht mehr im Weg und es ist nicht nötig, die Richtung des Pferdes zu kontrollieren. Es springt in der Karriere geradeaus davon, weg vom Feind.

Dieses Prinzip – Hinterhand trägt, Vorhand hebt sich, Balance bleibt stabil – ist die Essenz der Posata und der ihr folgenden Hinterhandwendung. Ihre erste ‚moderne‘ Darstellung sehen wir in einem Miniaturbild des aragonesischen Königs, der sie durch seine Beziehung zu Skanderbeg aus Byzanz nach Neapel und damit Europa einführte – Alfonso V.
Sassanidischer Teller, ca. 300 n. Chr., der den Schuss über die Pferdekruppe, den ‚Partherschuss‘, zeigt.
Die Renaissance: Die Posata bei Federigo Grisone
Im 16. Jahrhundert wurde diese Übung sodann in Italien verfeinert und formalisiert. Federigo Grisone, der erste weithin gedruckte Autor, der die neue neapolitanische (in Italien damals of spanisch und in Spanien stradiotisch genannte) Schule beschrieb, erklärt sie ausführlich in seinen Ordini di cavalcare (1550) – einem der einflussreichsten Reitbücher der Weltgeschichte.
Grisone erklärt, dass man das Pferd, wenn es die Posata erlernt hat, in dieser Position „etwas stehen lassen sollte“, um seine völlige Unterwerfung und Gehorsamkeit zu kontrollieren. Dies war der Beginn der Pesade.

Bereits die Posata war kein Steigen, keine unkontrollierte Aufrichtung, sondern ein kontrolliertes Tragen auf der Hinterhand mit kurzer Vorhandentlastung. Die länger gestandene Pesade war es umso mehr.
Historisches Bild von Federigo Grisone aus einer deutschen Übersetzung seines bahnbrechenden Werks ‚Ordini di Cavalcare‚ (1550).
Die Posata machte im Übrigen Grisones Werk international berühmt. Auf dem Schlachtfeld gierte damals jeder danach, sich umwenden zu können und die neu eingeführte Radschlosspistole zu ihrem vollen Vorteil anwenden zu können. Die Posata war daher die Grundlage für alles, was später zum Aufblühen der Hohen Schule führte.
Die Pesade: Das Pferd setzt sich auf die Hinterhand
Aus der Posata entwickelte sich schon bald zu reinen Präsentation die Pesade. Ihr Name kommt vom italienischen pesare – belasten, wiegen. Und genau das beschreibt den Kern der Übung: Das Pferd setzt sich tief auf die Hinterhand. Die Vorhand hebt sich in die Höhe. Der Rücken bleibt rund, die Hanken winkeln sich. Das Pferd bleibt vollkommen balanciert und begibt sich nicht in Gefahr, nach hinten überzukippen, wie beim Steigen. Das Pferd verliert nie Gleichgewicht. Seine Haltung ist eher flach und getragen.
Diese absolute Balance macht die Pesade zu einer fundamentalen Versammlungslektion und sie kann sogar beim zum Steigen neigenden Pferden zuweilen eine Lösung für deren ‚Kippgefahr‘ sein.
Die Levade: Das Pferd hebt sich aus der Pesade nach oben
Die Levade, wie wir sie aus der Wiener Hofreitschule oder dem portugiesischen Alter Real kennen, entstand später – vermutlich ab dem 17./18. Jahrhundert als demonstrative Schauevolution. Bei ihr hebt sich das Pferd stärker als in der Pesade und tut dies idealerweise aus der Pesade heraus. Ihr Name kommt von lever – sich heben. Und tatsächlich ist die Levade eine höhere, visuell teils eindrucksvollere Form des Hebens.


Die wichtigsten Regeln zum Erlernen dieser Übungen
Beim Einüben solcher Übungen sollte man immer auf denselben Punkt achten: Das Pferd sollte niemals ins Steigen geraten. Steigen bedeutet das Pferd „zieht sich hoch“, verliert die Lastaufnahme und die Balance und kann teils nach hinten kippen. Es ist daher körperlich wie mental in Gefahr, genau wie sein Reiter. Denn oft neigen noch nicht hinreichend ausgebildete Pferde dazu, das Heben von da an als Verteidigung einzusetzen.
Pesade und Levade verlangen absolute Ruhe, ein Ausbalancieren, eine stabile und starke Hinterhand und keine Vorwärtsflucht nach oben.
Derartige Übungen sind daher nur für fortgeschrittene, gut gymnastizierte Pferde mit Hankenkraft und Hankenbiegung geeignet. Das Pferd muss sie Schritt für Schritt erlernen. Junge Pferde sollte man sich besser noch nicht erheben lassen, außer vielleicht zu einer Posata.
Den Anfang sollte idealerweise eine Schulparade machen, das heißt, man lässt das Pferd stark hinten belasten und untertreten. Wichtig sind dabei die Balance und die Akzeptanz. Sie werden sehen, wenn Ihr Pferd die Schulparade begriffen hat, führt es sie mit großer Freude aus. Den Anfang macht man hierzu am besten an der Hand.
Wir hoffen, dass jeder, der diese Geschichte kennt, nun nicht nur technisch besser reitet, sondern auch die Tiefenschichten einer Jahrtausende alten Reitkunst verstehen und respektieren lernt (und sich nicht mehr am Stammtisch blamiert).
Zum Weiterstudieren empfehlen wir unser Buch ‚Die Reitkunst‘.
Oder Ihr schaut einfach mal bei uns in der Commanderie in Saint Aubin bei Versailles vorbei.

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