Als der Dresdner Fürstenzug noch ein Kamel zeigte

Der Dresdner Fürstenzug ist weltbekannt, aber trotzdem immer für eine Überraschung gut. Die Forscher von ArtEquestre, Dr. Ulrike Ortrere und Christine Voigtmann, sahen sich jüngst genauso einer Überraschung gegenüber.

Das der Dresdner Fürstenzug recht neu ist und erst zur 800-Jahr-Feier des Fürstenhauses Wettin im Jahr 1889 geschaffen wurde, ist bekannt. Dass er die Außenseite des ältesten erhaltenen Ringstechhofs der Renaissance schmückt und dieser vor dem ersten Museum der Welt, dem Kurfürstlichen Stall (Johanneum) angelegt wurde, weiß man auch mittlerweile überall. Was man bisher nicht wusste, ist jedoch, was genau vor dem Konterfei der Wettiner Fürsten an der Außenseite des Langen Gangs prangte.

Bekannt ist, dass man schon 1589 diese äußere Nordwand des gerade entstandenen Stallhofs mit einer Kalkfarbenmalerei versah. Diese wird auf mehreren Kunstwerken abgebildet. Die aussagekräftigsten Bilder sind ein Gemälde unter dem Bild Christian I. in seiner Ahnengalerie im Langen Gang von 1590, eine Miniatur von Andreas Vogel von 1620 und ein Stich von Anton Weck aus seiner Dresdner Chronik aus dem Jahr 1680.

Nimmt man jedoch eine Lupe, wie wir es kürzlich erst in der Rüstkammer und dann im Kupferstichkabinett getan haben, stellt man fest, dass sich die Bilder deutlich unterscheiden. Was Stall und Stallhof betreffen, so ist erst die Tür am Ende der Schlittenauffahrt sehr klein, dann wird sie größer. Ein kleiner Turm verdrängt einen Balkon an ihrem Zugang, die Zahl der Fenster am Kanzleigebäude ändert sich etc. Aber auch die Bemalung der Außenwand des Langen Gangs wird eine andere. Die Version unter dem Gemälde Christian I. und auf der Miniatur von Vogel zeigt Festwagen. Die spätere Version von Anton Weck zeigt dichtgedrängte Reiter und … ein Dromedar.

Kennt man die Geschichte der Einführung der Reitkunst und der Reitkunstpferde in Mitteleuropa, bei denen die Wettiner und die Sachsen eine Vorreiterrolle einnahmen, so kommt man dem Rätsel auf die Spur.

Als die Türken 1453 zum ersten Mal eine Stadt – Konstantinopel – mit Kanonen einnahmen, bedeutete dies das Ende des geharnischten Ritters. Der Ritter dressierte sein Pferd darauf, strikt geradeaus zu sprinten und brutal als Panzer die Reihen der Feinde zu brechen. Sobald es Kanonen gab, brauchte man dies jedoch nicht mehr. Der Ritter wurde zum Historienspektakel und seine Lanzenreiterei zum Zeitvertreib. Die Pferde teilte man von da an in diejenigen ein, die man zur Freude als Turnierpferd benutzte und denen man strikt verbot, abzubiegen, da man sonst mit Lanze und Rüstung gestürzt wäre. Und in die Pferde, die man wirklich im Krieg benutzte. Und zwar ganz anders. Denn je mehr man Kanonen und ab 1500 auch Hakenbüchsen und Radschlosspistolen verwendete, desto wendiger mussten die Tiere sein.

Die Radschlosspistolen schossen schlecht. Man musste sie auf die Rüstung des Gegners aufsetzen. Man musste ihn austricksen, umrunden, sich nähern. Die Pferde wurden leichter, der Stil ein anderer. Man benötigte 6-Meter-Volten, den Sprint der Karriere, Schnelligkeit. Man wechselte zur Reitkunst. Und die Sachsen wurden darin Vorreiter.

Nachdem die Ernestiner bereits ab 1488 erste Reitkunstpferde – oft über Italien – aus dem ehemaligen Byzanz importiert hatten, wurden sie 1547 nach der Schlacht von Mühlberg von den Albertinern verdrängt. Der neue Kurfürst Moritz brachte 1549 zwanzig neapolitanische Reitkunstpferde und einen edlen Hengst aus Ferrara mit. Dieser trug ihn im Übrigen, als er in leichter Rüstung im Reitkunstmanöver das Scharmützel gegen seinen wendigeren Gegner verlor, der ihn umrundete und mit seiner Radschlosspistole von hinten erschoss.

Sein Bruder August, der ihm nachfolgte, verstand die Zeichen der Zeit noch besser als er. Die Reitkunst wurde lebenswichtig. Er rief daraufhin kundige Italiener an seinen Hof: Rocco di Linari aus Ferrara und Mailand und Carlo Theti aus Neapel. Sodann organisierten er und seine Nachfahren nicht nur die Truppen der legendären Schwarzen Reiter, sondern auch prächtigste Paraden der Reitkunst, die Dresdner Inventionen.

Weiß man dies, erklärt sich, was die Gemälde am Langen Gang einst zeigten.

Es handelt sich um Miniaturen. Aber es wird deutlich, dass die Wagen auf dem Gemälde unter Christians Konterfei und auf der Miniatur Andreas Vogels mit den – den Wettinern wohlbekannten – Darstellungen der Festwagen im Palazzo Schifanoia in Ferrara übereinstimmen. Dem Ferrara, dass durch dynastische Verbindungen nach Neapel die Reitkunst schon seit Ende des 15. Jahrhunderts übernommen hatte und in das Kurfürst Moritz 1549 zur Besichtigung der Pferde und für so manche politische Intrige gereist war.

Dann jedoch werden diese Festwagen durch die Abbildung einer Dresdner Parade der Reitkunst ersetzt. Die ursprüngliche war sichtlich verwittert und wurde übermalt (ein sehr präsentes Problem der Dresdner Aussenbemalungen am Kurfürstlichen Stall und Schloss). Die Festwagen verschwanden und machten dichten Reiterreihen Platz. Und man kann zwischen den Reitern ein Dromedar ausmachen.

Dieses Dromedar war legendär und man sieht es auf der Darstellung einer Parade Christian I. im Jahr 1591. Dromedar und Reiter finden sich auf Blatt 45 der Parade zum Ring-Rennen, welches Christian zur Taufe seiner Tochter  Dorothea am 26.- 29. Jan. 1591 organisiert hatte. Es wird auch als Lokatär einer Box im Kurfürstlichen Stall erwähnt. Christians Nachfolger, wohl der reitbegeisterte Johann Georg I., der bekanntlich die Rüstkammer im Kurfürstlichen Stall verbessern liess, hatte daher wohl den Auftrag zu einer neuen Bemalung gegeben. Und in dieser hatte er seinem Vorfahren und Erschaffer des berühmten Dresdner Stalls gehuldigt. Christian I.

Verdient hatte Christian es. Er hatte das ritterliche Turnierreiten, sozusagen mit einem Paukenschlag, durch den Bau des Stallhofs beendet. Von nun an ritt man dort edle Pferde der Reitkunst in den Lektionen der Hohen Schule und, letzte Referenz an den lanzenstechenden Ritter, die aristokratischen Ringrennen. Der Ring imitiert dabei den kleinen Punkt, den der Ritter im Turnier mit seiner Lanze treffen musste. Die Pferde waren jedoch nunmehr ganz andere und wurden zum Prunk im ersten Museum der Welt ausgestellt. In den Paraden trugen ihre Reiter und sie edelste Kostüme, bis hin zu einer Verkleidung als siebenköpfige Hydra. Und ab und an wurden ihnen auch andere Tiere zugesellt. Bären, Löwen, Elefanten… und das Dromedar.

Die nur aufs Geradeausgehen dressierten Pferde der Ritter besaß man von da an nicht mehr. Keins der edlen Pferde aus dem Orient und aus Italien hätte es akzeptiert mit lautem Knall mit einem Gegner zu kollidieren. Selbst die am Ende der Turnierreiterei gebräuchlich gewordenen Blendungen der Pferde durch blickdichte Pferdestirnen hätte daran nichts mehr geändert.

Aber jetzt waren die Pferde das wichtigste Kunstwerk Dresdens und wurden daher an die Nordwand des Langen Gangs gemalt. Die heute dort reitenden Fürsten tun es daher in einer uralten Tradition.

Auf diesem Bild aus der Inventions-Parade von 1591 führen Wilde Männer vier zahme Bären in Ketten einem Dromedar voraus. Es ist unklar, ob es wirklich Bären sind oder verkleidete Teilnehmer. Die Instrumente in ihrer Hand sprechen für letzteres. Das Dromedar am Hof Christians I. von Sachsen ist belegt und stand lange im Kurfürstlichen Stall. Auf ihm sitzt ein Affe mit Spiegel als Sinnbild der Torheit.

Die dargestellte Parade war im Übrigen nicht ‚irgendeine‘.

Mit dem Ringk-Rennen zur fürstlichen Taufe seiner Tochter erfüllte Kurfürst Christian I. einen lange gehegten Plan: die feierliche Einweihung der neuen Reit- und Ringstechbahn im Dresdner Stallhof. Der gewaltige Bau des Stalls, zwischen 1586 und 1590 von Paul Buchner errichtet und fast so groß wie das Residenzschloss, war dabei weit mehr als eine Pferdeunterkunft. Im Erdgeschoss stellte man 128 teure Reitkunstpferde zur Schau, darüber befanden sich die neue Harnisch- und Rüstungskammer mit Figurinen von Schwarzen Reitern, Pferden und den Schlitten sowie fürstliche Gemächer. Schon die Fassaden des Stalls waren mit antiken Schlachtgemälden bemalt worden, das Innere mit Pferdeporträts – ein Bauwerk, das die sächsische Reitkunst nach italienischem Vorbild verherrlichte und für das Publikum als erstes Museum der Neuzeit weltweit zugänglich gemacht wurde.

Die Eröffnung mit Kindstaufe wurde mit einem ausufernden Ringrennen begangen, mit prachtvollen Inventionen, Festwagen und maskierten Reitern. Tagelang verwandelte sich Dresden in eine Bühne höfischen Spektakels.

Doch Intrigen, Glaubensstreit und familiäre Fehden zogen in jenem Moment ihre Kreise. Wenige Monate später war der kaum 30-jährige Christian tot. Gestorben an einem rätselhaften „Darmleiden“. Schnell kursieren Gerüchte, er sei vergiftet worden. Verdächtigt wurde dabei seine fanatisch lutherische Frau Sophie. Diese riss die Macht mithilfe der lutherischen Ernestiner an sich. Christians Kanzler, Nikolaus Krell, fiel politischen dem Gerangel zum Opfer und wurde von ihr ins Gefängnis geworfen: zehn Jahre nach dem Tod seines Herrn und kurz vor dem Regierungsantritt von dessen Sohn wurde Krell hingerichtet.

So schwebte über der glanzvollen Einweihung des Stallhofs ein dunkler Schatten – das Fest als Triumph und zugleich als Menetekel eines visionären Fürsten, dessen Herrschaft früh und tragisch endete. Christian gab Deutschland die Hohe Schule der Reitkunst, Dresden das wunderbare Stallgebäude und der Welt ihr erstes Museum.

Und wie man sieht, hielten ihn seine Nachfahren in höchsten Ehren.

Mehr zu den spannenden Ereignissen in und am Kurfürstlichen Stall von Dresden in unseren Büchern:

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