Pferde faszinieren die Menschheit seit Jahrtausenden – doch wo begann eigentlich die Pferdezucht und Reitkunst, die später die Geschichte von Kriegern, Kaisern und Imperien prägen sollte?
Überraschend viele Spuren führen in denselben geografischen Raum: in das Gebiet der heutigen Türkei, Syriens, Nordirans und des Irak. Hier, im Schnittpunkt der frühen Hochkulturen, entstand jene Pferdekultur, die die Antike revolutionierte.
Die Hethiter – Die ältesten schriftlich belegten Pferdezüchter
Die älteste bekannte Anleitung zur Pferdezucht stammt aus dem Boğazköy-Archiv, dem königlichen Archiv der hethitischen Hauptstadt Hattuscha, dem heutigen Ort Boğazkale, früher Boğazköy, in der Provinz Çorum, etwa 200 km östlich von Ankara. Sie wurde auf einer Keilschrifttafel festgehalten, die heute im Archäologischen Museum von Istanbul aufbewahrt wird.

Die Hethiter waren ein indogermanisches Volk, das ab etwa 1.650 v. Chr. in Anatolien ein mächtiges Königreich errichtete und zeitweise mit Ägypten und Babylonien um die Vorherrschaft im Nahen Osten konkurrierte. Sie waren gefürchtete Wagenkämpfer – und ihre Pferde spielten dabei eine zentrale Rolle.
Keilschrifttafel mit Anleitungen zur Pferdezucht, Bogazkoy, National Museum Istanbul, um 1.400 v.Chr.



Ihre berühmte “Pferdeinstruktion” von ca. 1.400 v. Chr., verfasst von einem gewissen Kikkuli, gilt als das älteste bekannte Trainingshandbuch für Streitwagen-Pferde der Welt. Kikkuli war ein Reit- und Pferdetrainer aus Mitanni, der am hethitischen Königshof tätig war. Sein berühmtes Handbuch wurde daher in hethitischer Keilschrift überliefert.
Die Nachfolger der Hethiter – Das Reich Mitanni
Im gleichen Kulturraum der Hethiter lebten auch die Hurrier im Reich Mitanni (ca. 1.500–1.300 v. Chr.). Dessen herrschende Elite war indogermanischer Herkunft, und viele Forscher vermuten daher heute eine enge Verbindung zu den Hethitern. Mitanni wurde berühmt für seine Pferde – besonders vor den Mitanni-Streitwagen, die in der Antike bald als die besten galten. Viele hethitische Techniken wurden hier weiterentwickelt und in die Nachbarreiche exportiert. Von den Mittani übernahmen die Ägypter die Streitwagen und besiegten mit ihnen gemeinsam die Hethiter.
Die Meder – Lehrer der antiken Reitkunst
Ab dem 8. Jh. v. Chr. folgten sodann die Meder im Gebiet des heutigen Iran in den Fußspuren der Hethiter und Mittanis. Sie zählen zu den frühesten Reitervölkern, die hoch zu Ross ritten und die Techniken des Nahkampfes zu Pferd entwickelten, kurz, die „Niedere Schule“. Bei ihnen sieht man zuerst die Hinterhandwendung, die Karriere, die Posata.
Die Meder übten von da an einen großen Einfluss auf die persischen Achämeniden, die ihnen folgenden Sassaniden und die gesamte Reitkultur Kleinasiens aus. Sie werden von griechischen Autoren generell als Vorbild in Reitkunst und Pferdeerziehung genannt.
Berühmt ist vor allem Xenophons Werk. Der Athener Feldherr, ein Schüler des Sokrates und leidenschaftlicher Pferdeliebhaber, führte 401 v. Chr. den legendären “Zug der Zehntausend” an – ein episches Rückzugsmanöver griechischer Söldner durch feindliches Gebiet von Persien zurück ans Meer. Dieses Abenteuer beschreibt er in seinem Werk “Anabasis”, einem Klassiker der Militärliteratur. Auf dieser Reise lernte Xenophon die Reitkunst der Meder kennen – und war tief beeindruckt. Zurück in Griechenland verfasste er daraufhin sein noch heute berühmtes Werk “Peri Hippikēs” (Über die Reitkunst), das älteste Erziehungs- und Trainingshandbuch für Reiter, das bis heute existiert. Viele seiner Anweisungen (bzw. der der Meder, um gerecht zu sein) sind völlig modern und werden in der klassischen Reitkunst noch heute angewandt.
Auf dem Alexander-Sarkophag im Archäologischen Museum von Istanbul finden wir spektakuläre Darstellungen der Reiterelite Alexander des Großen im Kampf gegen die medisch-persischen Reiter und ihrer Nisäer. Man erkennt letztere in der Antike und bis in die Zeit der Renaissance an ihrem hochgebundenen Schopf.
Die Nisäer – Die „Königspferde“ der Meder und Perser
Denn unter all den Pferden, die im Altertum berühmt wurden, ragt eine Rasse heraus, die fast mythischen Status erlangte: die Nisäer. Sie galten als die kostbarsten Pferde der Welt. Herodot und Vegetius beschreiben ihren Schulschritt, ihr Kompliment, ihre Versammlung, aber auch ihre Sensibilität und ihre goldenen Mähnen.
Ursprünglich stammten sie aus Medien im heutigen West-Iran oder auch Kappadokien in der heutigen Türkei. Sie waren größer, kräftiger und zugleich eleganter als die üblichen Reitpferde der Antike. Sie verbanden Wendigkeit in der Volte mit Mut – ideal für den Kampf zu Pferd. Kein Wunder, dass sie die bevorzugten Pferde der medischen und später der persischen Könige wurden. Die Könige selbst bevorzugten dabei wahrscheinlich ‚goldene‘ Pferde, also Cremellos und Perlinos.
Lies mehr in: Die Geschichte des Reitens
Über Byzanz in den Westen – Die Reise einer Reitkultur
Mit der Ausbreitung des Perserreichs und später durch den kulturellen Austausch zwischen Ost und West gelangte diese Reitkunst und ihre ganz speziellen Pferde über Armenien und Kappadokien nach Byzanz. Die byzantinische Kavallerie übernahm zahlreiche Techniken der persischen Reiter – sowohl in der Ausbildung der Pferde als auch im Reiten selbst.
Über Jahrhunderte blieb Konstantinopel ein Scharnier zwischen Orient und Okzident: Diplomaten, Söldner, Händler, aber auch reitkundige Meister gaben das antike Wissen weiter. Man ritt, im Gegensatz zu Mitteleuropa, ohne Sattel.
Die Krone Aragóns als Brücke nach Süditalien
Der für uns heute entscheidende kulturelle Transfer nach Westeuropa erfolgte, als die Krone von Aragón die Handels- und Machtachsen über das östliche Mittelmeer ausbaute. Ab dem 13. und verstärkt im 15. Jahrhundert kamen aragonesische Ritter, Militärberater, Stallmeister und Pferde aus dem östlichen Mittelmeerraum nach Neapel, das ab 1442 unter Alfons dem Großmütigen von Aragón zum aragonesischen Königssitz wurde. Sein Sohn und Kronprinz Ferrante war dabei der Dreh- und Angelpunkt des leidenschaftlichen Imports von Pferden und Reitwissen.
Neapel wurde zu einem Treffpunkt westlicher und östlicher Reittraditionen. Die Transmission der Kunst geschah dabei wohl vorrangig durch die Familie des albanischen Fürsten Skanderbeg an Ferrante von Aragon, also auf höchstem Niveau. Mit den Pferden gelangte der neue Reitstil in den Westen: die medisch-persische Reitkunst, wie sie in Byzanz erhalten und weiterentwickelt worden war.
Die aragonesischen Fürsten sowie ihre Reitmeister erweiterten diese orientalisch-byzantinische Reitkunst sodann mit Sprüngen und Lektionen zum Zwecke der Prachtentfaltung der Renaissance. Aus dieser Synthese entwickelte sich im späten 15. Jahrhundert die Hohe Schule der Reitkunst. Der erste Sprung wird 1477 in Neapel beschrieben.
Die neue reitkunst, die man in Italien anfänglich irrtümlich spanisch nannte (daher der ’spanische Schritt‘) beruhte nicht mehr nur auf der steifen, geradeaus gerichteten Reiterei des Mittelalters, sondern auf Wendigkeit, Balance, Versammlung und Präzision – Prinzipien, die sich direkt auf die medisch-persische Reitkunst zurückführen lassen.
Die Pferde sollten nicht mehr nur voranstürmen und die Reihen der Feinde brechen, sondern sich versammeln, sich wenden und sprinten können – zur Kunst und zur neuen Scharmützelreiterei.
Neapel gilt daher mit Recht als Wiege der europäischen Reitkunst. Von hier aus verbreitete sich die neue Schule im 16. und 17. Jahrhundert in ganz Europa: nach Deutschland über die Wettiner nach Torgau und Dresden und über die Habsburger nach Wien, Cordoba und Madrid. Anfänglich gelangte sie auch nach Frankreich, genau genommen nach Amboise zu Franz I., ihre Entwicklung wurde jedoch durch die Hugenottenkriege unterbrochen. Erst die Pignatelli-Schüler Pluvinel, Salomon de la Broue und, als ihr Erbe, letztendlich Guériniére beschrieben sie sodann auch in Frankreich.
Die Wurzeln der europäischen Reitkunst liegen daher nicht in Europa – sie kommen aus Medien und Persien. Im Neapel der Renaissance wurde daraus Kunst. In Dresden ein Kunstwerk. Sie basiert damit – und das ist interessant – ursprünglich auf einer sattel- und steigbügellosen Nahkampf-Reitweise.
Eine neue Studie hat nachgewiesen, dass der Nisäer die genetische Basis der Pferde der Reitkunst wurde. Wenn Du mehr zu den tatsächlichen Unterschieden dieser Pferde wissen willst:
Wir zeigen Euch hier einige der beeindruckendsten farbigen Darstellungen der Meder und ihrer Nisäer sowie der ersten Ställe zur Zucht.




Die ältesten bekannten Pferdeställe befinden sich in Kappadokien in der heutigen Türkei und sind teilweise bis heute in Gebrauch. Kappadokien gehörte einst zu Medien und zuvor zum Reich der Hethiter, bevor es an Byzanz fiel. Der Name der Region bedeutet: „Land der schönen Pferde“. Hier: Göreme, Kappadokien, die hier abgebildeten Ställe sind mindestens aus dem 10. Jahrhundert, können aber auch wesentlich älter sein.

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