Dresdner Inventionen: Bizarre Tiere

Die Dresdner Paraden des 16. Jahrhunderts waren nicht nur Schauplätze für die Reitkunst, prunkvolle Kostüme und Allegorien der Tugenden – sie boten auch Raum für das Groteske, Bizarre und Spielerische. Immer wieder erscheinen in den Bildserien Gestalten, die als Tiere verkleidet sind: nicht nur die großen Ungeheuer der Antike wie Hydra oder Drache, sondern auch Affen, Ziegen, Bären, Hähne und Eulen. Solche Tiermaskeraden verliehen den Aufzügen eine Atmosphäre aus Groteske und Pracht. Sie verbanden das Fest mit der uralten Tradition der Fastnacht, in der die Welt auf den Kopf gestellt und Mensch und Tier, Ernst und Scherz, vorgeführt wurden.

Im 16. Jahrhundert wandelte sich jedoch auch der Blick auf das Tier. Unter dem Einfluss der Reformation, insbesondere Martin Luthers, gewann die Schöpfung eine neue Wertschätzung: Das Tier erschien nicht mehr nur als niedere Kreatur, Symbol der Laster oder des Chaos, sondern als Teil der göttlichen Ordnung, dem Achtung gebührte. Luther selbst sprach oft in Tiervergleichen, sah im Hahn den Prediger des Morgens, im Löwen die Kraft, in der Taube die Reinheit. Diese Bilder fanden Eingang in das Denken und schließlich auch in die bildkünstlerischen und festlichen Darstellungen.

Hinzukam jedoch auch die Lust am Bizarren, die Freude am Spiel mit der Maskerade. Sie machte die Tiere zu Mitspielern im Fest der Macht, als Spiegel des Menschen, als Mahnung, aber auch als Anlass zum Staunen und zum Schmunzeln. So wurde im bunten Zug durch Dresden die gesamte Schöpfung vorgeführt: geordnet und doch verrückt, heilig und verspielt, vertraut und befremdlich zugleich.

Dre junge Reiter, Matilda, Remy und Charlotte, machten sich für uns daran, einige dieser bizarren Tiergestalten wiederauferstehen zu lassen. Dabei half ihnen Duc.

In jeder Herde gibt es dieses eine Pferd, das in der Rangordnung ganz unten steht. Oft ist es das Kleinste, manchmal aber – paradoxerweise – auch das Größte, so wie Duc. Der Friese wurde mit dem Namen „Berg“ geboren, dem er völlig entspricht. Er ist wuchtig, schwarz und majestätisch. Als er zu uns nach Versailles kam, musste er allerdings umgetauft werden. „Burgk“ heißt im Französischen „Igitt“, also wurde aus dem Berg kurzerhand ein Duc, ein Herzog. Und auch der Name passt: Ein Fürst von Gestalt, mit einer Schulterhöhe von 1,85 Metern. Wer auf Duc reiten möchte, braucht nicht nur Reitstiefel, sondern auch eine Leiter.

Doch trotz seiner monumentalen Erscheinung ist Duc ein Herzblatt. Große, dunkle Augen, weiche Lippen, eine unerschütterliche Ruhe – er ist einer dieser besinnlichen Riesen, die man sofort ins Herz schließt.

Und so standen die drei oder besser vier im Wald, ein junges, enthusiastisches Team, voller Ideen und manchmal auch ziemlich verrückter Einfälle. Zwischen Farnen und knorrigen Stämmen und verwandelten Duc in ihre Hauptfigur: bizarr, prächtig und zugleich anrührend.

Remy saß auf Duc wie ein Ritter aus einer anderen Zeit und wurde für diesen Moment unser Rabe. Charlotte, seine Freundin, sprudelnd und schön, schlüpfte in die Rolle einer Ziege – eigensinnig, neugierig, immer bereit, das nächste Abenteuer zu erleben. Und Matilda, die Dritte im Bunde, wurde zu unserer Eule – weise, leise, und zu Fuß, da schwanger.

Die Kamera klickte, das Licht brach durch die Bäume, Staub und Sonnenstrahlen schwebten wie Sterne durch die Luft. Duc stand da, riesig und sanft, und ließ alles mit sich geschehen. Als ob er wüsste, dass er in jenem Moment mehr war als nur ein Pferd: ein Symbol für die Mischung aus Pracht und Absurdität, aus Stärke und Erfindungsgeist, die auch die Dresdner Inventionen der Renaissance ausmachte.

In jenen fantastisch-bizarren Paraden der Renaissance, war die Eule das Symbol des Tages. Die Ziege das Sinnbild der Völlerei. Und noch so manches andere Tier zog mit. Hasen, Mäuse, Elefanten und Dromedare. Und ab heute auch ein Rabe.

Am Ende des Tages waren wir alle voller Schlamm, die Akkus leer, aber die Herzen prall gefüllt. Die Fotos, die dabei entstanden sind, sind mehr als schöne Bilder – sie sind kleine Geschichten, eingefroren im Moment. Geschichten von Jugend, Erfindungsgeist, Tierliebe und von der Sehnsucht, alte Traditionen mit neuen Augen zu sehen.

Steig auf Dein Pferd. Fantasiere. Sende uns Deine Bilder. Wir posten sie.

Reite mit uns nach Dresden.

Das Buch über die Geschichte der Inventionen findest Du hier.

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