„Das hätten wir uns nicht träumen lassen!“ – Worte, die man schnell dahin sagt, die in unserem Fall jedoch vor Kurzem eine ganz neue Bedeutung bekamen.
Alles fing damit an, dass wir in den mächtigen Mauern des Lesesaals der Staats- und Universitätsbibliothek Dresden, kurz der SLUB, auf einen alten Band stießen. Die Luft war stickig, schwer vom Geruch alten Papiers und Bindeleims, und wir starrten schweigend auf das Papier, verstummt unter dem strengen Blick der Archivare. Vor uns lag die „Sammelhandschrift Mscr.Dresd.K.1“, ein unscheinbarer Band mit unhandlichem Titel – doch darin verbarg sich ein Schatz. Als wir die Seiten aufschlugen, leuchteten uns bunte Figuren entgegen: mit Deckfarben gemalte Reiter in Brokat, vergoldete Masken, edle Pferde in Pesade.
Es war das unerwartete Werk eines Meisters: gestochen scharfe Figuren, kräftige Linien, lebendige Gesichter. Darüber standen handschriftliche Notizen und Namen, die man nachgetragen, verändert und verschoben hatte. Jemand hatte Wert darauf gelegt, dass der Zeichner, ein gewisser Daniel Bretschneider, ihn erwähnte und ihn richtig schrieb. Jemand hatte an der abgebildeten Parade teilgenommen, sich geschmückt, verkleidet, sein Pferd für den großen Tag dressiert – und hatte mit Herzklopfen im Sattel gesessen. Bizarr, pittoresk, eigenartig.

Die Gestalten vor uns wirkten lebendig. Wir hörten förmlich die Trommeln, sahen das Glänzen der Harnische, rochen den Sand, der unter den Hufen spritzte.
Auf 13 mal 39 Zentimetern Papier, koloriert mit Pinsel und Wasserfarben, waren die Figuren so echt herausgearbeitet, dass sie gleichsam aus dem Blatt zu entsteigen schienen.
Wir lasen die Titel: ‚Inventionen’…. was waren das für Erfindungen?
Und schon begannen wir zu träumen: Wie könnten wir das zurückholen? Kostüme, Stoffe, Masken. Wir stellten uns die Pferde vor – wie sie wohl in die Rollen schlüpfen würden. Corsario etwa, mein Lusitano-Hengst. In meiner Vorstellung trug er nicht mehr nur Trense und Sattel, sondern zwei überdimensionale Hörner, wie die „Ziegenböcke“ der alten Kurfürsten. Wir lachten auf im stickigen Lesesaal: ein Pferd als Ziege – eine jener aberwitzigen Maskierungen, die das Dresdner Publikum der Renaissance zum Staunen gebracht hatten.
Und dann stellte sich das Herzklopfen ein. Wir waren bereits Akteure, auf dem Weg, die Inventionen zurück in die Welt zu rufen.
Wir verließen das stickige Archiv – die Bilder, die Farben, die goldverbrämten Figuren brannten uns im Gehirn. Kaum waren wir wieder in unserem Stall, schleppten wir Material herbei. Unsere Hände begannen wie von selbst zu arbeiten. Stoffballen raschelten, Scheren knackten, Nadeln blitzten. Der Raum füllte sich mit dem Duft von Farbe und Leim.

Die Renaissance hielt Einzug. Jene Zeit, in der man die Reitkunst aus Byzanz nach Europa gebracht und in Neapel die Hohe Schule erfunden hatte. Die Zeit des Goldes, der Schellen und Schalmeien, der Hinterhandwendungen und des spanischen Schritts.

Unser erster Versuch wurde der Ziegebock. Das Tier der Wollust der Allegorien der Paraden.
Corsario reagierte misstrauisch. Stolz, wachsam – und noch völlig ahnungslos sah er uns an. Wir holten ihn aus seiner Box, kämmten seine Mähne, flochten Strähnen ein, fügten Weizenhalme dazu. Dann kamen die Hörner, eine aufwendige Maske, gefertigt nach dem Vorbild der „Ziegenreiter“.
Corsario blieb einen Augenblick wie versteinert stehen. Dann schüttelte er sich, die Hörner klapperten, und sein kräftiges Wiehern schallte durch den Stall. Er sah uns im Licht der Nachmittagssonne mit seinen grünen Augen an, als wollte er sich beschweren: „Ich bin doch keine Ziege!“
Doch im nächsten Atemzug streckte er den Hals, schob seinen Ramskopf ins Gras – und für uns geschah ein Wunder. Aus dem stolzen Lusitano wurde – in unserer Vorstellung, und vielleicht auch ein wenig in seiner – ein Tier aus einer längst vergangenen Zeit: das Paradepferd, das im 16. Jahrhundert als Ziegenbock durch Dresden tanzte.
Für einen Augenblick verschwand die Stallgasse, das Gras, das Jetzt. Stattdessen hörten wir die Trommeln der Renaissance, sahen die maskierten Reiter in den Straßen, das jubelnde, lachende Publikum. Corsario hob den Kopf, Grashalme hingen ihm von den Lippen, und wir wussten: unsere Zeitreise hatte begonnen.

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