Es gibt wenige Ereignisse, die die Vorstellungskraft der Sachsen so gefangengenommen haben wie der Tod von Kurfürst Moritz, dem berühmten ‚Judas von Meißen‘. Dies wohl auch deshalb, da sein Harnisch, sein blutbeflecktes Wams und eine blutverschmutzte Schärpe überdauert haben. Die letzteren sind in der Dresdner Rüstkammer zu sehen, der erstere in Freiberg – Kugelloch im Rücken inklusive. Denn Moritz wurde am 9. Juli 1553 in der Schlacht von Sievershausen von einer Kugel in den Rücken getroffen.

Als mächtigster Kurfürst der Reformierten und als der Mann, der Kaiser Karl V. erst bei Mühlberg gegen die Ernestiner zum Sieg verholfen hatte und ihn sodann selbst vom Thron stieß, war Moritz mit seinen erst 32 Jahren ein Gigant. Sein Tod kam daher als Schock und brachte dementsprechend die Gerüchteküche zum Brodeln. Sein Bruder und Nachfolger August weilte in jenem Moment in Dänemark und wurde daher nicht verdächtigt.
Der Harnisch von Moritz von Sachsen
Auf der Suche nach dem Mörder erfand der Volksmund von da an jedoch so manche Legende. Der Schuss sollte aus dem feindlichen Lager gekommen sein oder von hinten aus seinem eigenen Feld. Durch Versehen oder gezielt. Man erfand sogar eine Geistergeschichte, nach der Moritz den sächsische Adligen Georg von Karras zu Coswig gezwungen haben soll, auf Teile seiner Güter zu verzichten. Auf dem Totenbett hätte dieser daher den Mord an Moritz gebeichtet, was dazu geführt habe, dass ihm die Sterbesakramente verweigert und der Leichnam gevierteilt und in ungeweihter Erde begraben worden sei. Die Sage behauptet, dass Karras Geist deshalb noch heute umgehe.[i]
Alles in allem bleibt jedoch bei allen Theorien immer ein entscheidendes Rätsel unbeantwortet: Wieso kam der Schuss auf Moritz von oben?
Denn man weiss, dass die Kugel auf der linken Seite über den Lenden in den unteren Rücken eintrat und am inneren linken Oberschenkel neben den Hoden wieder austrat. Der schräg nach unten führende Schusskanal ist in einer Zeit ohne Drohnen und Flugzeuge ein kniffliger Fragepunkt, vor allem, da die Schlacht auf einem freien Feld stattfand.
Johannes Herrmann, Hauptbearbeiter der Edition von Moritz‘ politischem Briefwechsel, nahm 2003 in seiner Moritz-Biografie und 2010 in einem Spezialaufsatz ausführlich zur Sache Stellung und ist sich sicher: Moritz sei von gegnerischen Hakenbüchsen-Schützen getroffen worden.
Die zwei Autorinnen des neuen Buchs „Der Kurfürstliche Stall und Stallhof Dresden – Das erste Museum der Neuzeit“ sind da anderer Meinung. Eben gerade wegen dieses schräg nach unten führenden Schusskanals.
Es ist ihrer Ansicht nach viel wahrscheinlicher, dass die Verletzung von Moritz, links über den Lenden im Rücken, das Resultat einer damals von leichten Reitern angewandten Angriffstaktik war.
Der italienische Reitlehrer Alessandro Massari Malatesta beschreibt diese viele Jahre später, 1599, in seinem ‘Compendio dell’heroica arte di cavalleria’[ii] als wäre er in Sievershausen dabei gewesen.
Er schickt dabei eine Information voran, die auch wir nicht unerwähnt lassen dürfen:
„Pistolenschüsse, die zu Pferd aus Distanz abgefeuert werden, verfehlen meist ihr Ziel und, selbst wenn sie treffen, haben Sie keine durchschlagende Wirkung auf gut gepanzerte Rüstungen – es sei denn, sie werden aus nächster Nähe abgegeben.“
Diese damit gemeinten Radschlosspistolen – die in Deutschland 1547 zum wohl ersten Mal durch ernestinische Schwarze Reiter in einer Schlacht, nämlich der Schlacht von Mühlberg verwendet wurden – hatten also keine Wirkung, wenn man die Pistole nicht direkt auf die Rüstung des Gegners aufsetzte.
Malatesta empfiehlt daher dem potentiellen Angreifer folgende Taktik:
„Man kann den Gegner im Nahkampf täuschen, indem man sein Pferd nach rechts oder links wendet oder in Schlangenlinien ausweicht, und sich dabei 8 bis 10 Schritte von ihm entfernt, sodass er an einem vorbeireitet. Falls er dann schießt, sind Sie im Vorteil, da Sie sich dann hinter ihm befinden. So können Sie die Oberhand gewinnen und einen gezielten Schuss auf seinen Kopf, den Rücken oder die Nieren ausführen, sobald Sie dann selbst die Hinterhand seines Pferdes erreicht haben. […]
Während Sie Ihr Pferd sicher und schnell nach rechts [zum Gegner hin] wenden, treiben Sie es mit dem linken Sporn an und geben ihm nach ein paar Sporenstößen die Zügelhand. Dadurch können Sie den Gegner überholen, und dabei dicht an ihm herankommen, sodass der Kopf Ihres Pferdes auf Höhe seines linken Oberschenkels kommt. Viele Ritter zielen sodann in jenem Moment mit der Pistole auf den Oberschenkel des Gegners, da ein solcher Schuss entweder den Reiter oder zumindest sein Pferd verletzt.“
Man schoss also von oben nach unten und nicht geradeaus, um damit auch das Pferd zu treffen – was den schräg nach unten gehendem Schusskanal erklärt.
In Moritz‘ Fall hatte sich sein Angreifer sichtlich dazu entschlossen, der von Malatesta empfohlenen Taktik zu folgen. Er liess Moritz durch eine Finte an sich vorbeireiten, holte ihn dann von links hinten ein und setzte ihm im vollen Galopp die Pistole auf die Rüstung auf. Sodann schoss er durch die Nieren des Kurfürsten nach unten, um wie empfohlen, auch das Pferd zu erreichen.
Moritz ließ sich austricksen, hätte es jedoch besser wissen müssen. Er hatte nämlich bereits sechs Jahre zuvor in der Schlacht von Mühlberg bei einem sehr ähnlichen Angriffsmanöver beinahe sein Leben verloren.[iii] Damals schoss man noch mit einer kurzen Arkebuse auf ihn und der Schuss verfehlte ihn daher, [iv] wie von Malatesta vorhergesagt. Die Leute von Moritz kamen ihm zu Hilfe und retteten ihn.
In Sievershausen setzte Moritz seine Attacke trotz der schweren Verwundung fort, führte seine Truppen zum Sieg und begab sich erst dann in Behandlung. Am Abend war er noch bei Bewusstsein. Am nächsten Tag verschlechterte sich sein Zustand jedoch. Er blutete, konnte kein Wasser lassen und hatte große Schmerzen. Am Morgen des 11. Juli starb er im Alter von nur 32 Jahren. Es ist bis heute unbekannt, wer der findige Reiter war, der ihn erschossen hat.
Die Schwarzen Reiter, Söldner, die hauptsächlich aus Sachsen und Umgebung kamen und so ziemlich bei jedem der deutschen Fürstenhöfe anheuerten, waren jedoch schon bald für ihre Pistolenkünste berühmt und wurden deshalb bis nach Moskau angestellt. In Frankreich nannte man sie nach der Waffe, die Moritz wohl das Leben kostete, die Pistoliers. Vielleicht wurde Moritz daher von einem seiner Landeskinder erschossen, der sich der Tat wohlweislich nicht rühmte… oder aber der Schütze fiel selbst in der verlustreichen Schlacht.
Da der erhaltene Harnisch von Moritz aus recht dünnem Blech besteht,[v] kann es sein, dass es sich bei ihm nur um eine Nachbildung und nicht um die tatsächliche Rüstung handelt. Es kann aber auch sein, dass Moritz zu all seinem Unglück auch noch nur eine recht leichte Rüstung angelegt hatte.
Das Pferd, das Moritz in der Schlacht von Sievershausen ritt, war im Übrigen ein edler Reitkunst-Hengst, den ihm Ercole II. d’Este nach seiner Italienreise aus Ferrara gesandt hatte.[vi] Moritz‘ Reitkünste, scheint es, waren nur noch nicht gut genug, um auch seinerseits sein Pferd im Scharmützel auf der Hinterhand zu wenden und Schlangenlinien zu reiten.

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[i] Aufgrund der Nähe, die zu dem Schuss nötig war und der Tatsache, dass Moritz noch eine Weile lebte und also hätte davon erzählen können, ist es unwahrscheinlich, dass der ihm wohlbekannte Karras sein Mörder war.
[ii] Compendio dell’heroica arte di cavalleria ; 1599, Alessandro Massari Malatesta, S. 9 ff., online auf: https://archive.org/details/compendio-dellheroica-arte-di-cavalleria-1599/page/n23/mode/2up
[iii] Siehe bei Zuñiga die Beschreibung der Geschehnisse vor Mühlberg.
[iv]„In diesem Moment, während Herzog Maurizio den Sieg errang, näherte sich einer der Feinde von hinten mit einer Arkebuse. Hätte er gut gezielt, hätte er ihn sicherlich getötet. Doch als der Schuss fehlging, griffen diejenigen, die beim Herzog waren, den Feind und zerschmetterten ihn und sein Pferd in Stücke.“ Commentario dello illustre signor don Aluigi d’Auila; & Zuniga, commendator maggior d’Alcantara, nella guerra della Germania fatta dal felicissimo, & massimo Carlo 5., imperator romano re de Spagna. Del 1546 et 1547. Tradotto di spagnuolo in lingua toscana, corretto, & emendato per l’istesso auttore…, 1549, Luis de Ávila y Zúñiga, S. 82
[v] Angabe von Holger Schuckelt, Oberkonservator der Rüstkammer Dresden. 1578 bat Erzherzog Ferdinand II. von Tirol Kurfürst August um Bildnisse seines Bruders und dessen Gegners in der Schlacht von Mühlberg, Johann Friedrich. Er fragte im gleichen Moment um die Harnische von Moritz und August an, um sie in Schloss Ambras in seiner Heldengalerie auszustellen. Es kann sein, dass man anfänglich den heutigen Dresdner Harnisch zu diesem Zweck herstellte. Dies würde auch erklären, warum die Einschussstelle am Wams nicht mit der am Harnisch übereinstimmt. Kurfürst August gab einen anderen Harnisch von Moritz in die Heldenrüstkammer nach Ambras (heute in Wien). Dabei handelt es sich um einen massiven Feldharnisch, den Moritz 1547 in der Schlacht von Mühlberg getragen hatte. Der Harnisch mit dem Einschussloch kann auch für die Freiberger Kirche hergestellt worden sein, um ihn dort auszustellen.
[vi] „Ein heimlicher Vorschlag“, in Elbflorenz. Italienische Präsenz in Dresden. 16.-19. Jahrhundert, Evelyn Korsch, S. 41

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