Wer in Dresden und Umgebung kennt ihn nicht, den Goldenen Reiter? In Hochglanz und barocker Fülle reitet er über die Dresdner Hauptstraße, irgendwohin ins Grüne, gekleidet in einen römischen Harnisch und das Pferd artig auf die Hinterhufe gestellt. Prächtig und doch sicherlich einzigartig?
Ein neues Buch mit dem Titel ‚Kurfürstlicher Stall und Stallhof Dresden – das erste Museum der Neuzeit‘ wagt nun jedoch die These, dass August der Starke, der dort auf seinem Hengst daherreitet, nicht nur einen seiner Vorfahren kopiert hat, sondern dass auch jener vor ihm schon fleißig kopiert habe. Und keinen Geringen. Das Vorbild – so heißt es – stammte von Donatello und Pisanello.
Ein Kaiser allen voran
Grundsätzlich war es zu Zeiten der Renaissance und des Barock üblich, dass jeder Herrscher beritten war, und kein Adeliger zeigte sich ohne Pferd in der Öffentlichkeit. Bereits im Mittelalter wurden einige Adlige auf ihren Pferden dargestellt, wie beispielsweise die Skaliger auf ihren Gräbern in Verona.
Aus der Antike sind jedoch nur eine kleine Anzahl von Reiterdenkmälern überliefert, darunter die Statue des Nonius Balbus aus Herculaneum und das Reiterstandbild des Domitian aus Baia. Letztere wurden jedoch erst in neuerer Zeit entdeckt, sodass zu Lebzeiten von August dem Starken und seinen Vorgängern nur ein einziges Reiterstandbild der Antike bekannt war: die Reiterstatue des Marc Aurel, die noch heute in den Kapitolinischen Museen in Rom zu bewundern ist.

Diese war im Auftrag des römischen Senats während der Herrschaft des Kaisers in den späten 170er Jahren n. Chr. angefertigt worden. Das dargestellte Pferd hatte Marc Aurel wahrscheinlich kurz zuvor von den Persern erbeutet[i] und es handelt sich wohl um einen der legendären Nisäer,[ii] den Ahnherren unserer späteren Reitkunst-Pferde und übrigens auch des ursprünglichen thüringisch-sächsischen Pferdes. Kleidung und Handhaltung Marc Aurels erkennt man ohne zu viel Aufwand bei August dem Starken wieder. Sie reiten zudem beide ohne Sattel. In Marc Aurel kann man daher ohne Zweifel ein Vorbild Augusts ausmachen.
Statue Marc Aurels
Was jedoch nicht mit der Statue des Kaisers übereinstimmt, ist die erhobene Position des Pferdes bei August dem Starken.
Diese Haltung war auf einem Reiterstandbild extrem schwer darzustellen, da das Pferd sich nur auf den Hinterbeinen und dem Schweif abstützen muss. Wie riskant eine solche Konstruktion sein kann, zeigt der sogenannte „Budapester Reiter“, der Leonardo da Vinci zugeschrieben wird. Bei dieser kleinen Statue sind die Beine des Pferdes unter der Last des Körpers regelrecht zusammengebrochen. Bei der Statue von Philipp IV. von Spanien wurde später sogar Galileo Galilei hinzugezogen, um die Konstruktion so zu berechnen, dass das Pferd sicher auf der Hinterhand stehen konnte. Pferdebeine sind erstaunlich schmal.
Warum also bürdete August der Starke seinen Bildhauern diese Mühe auf ?
Das Perd Augusts ist ein Pferd der Reitkunst, angesichts des konvexen Kopfes wohl ein – möglicherweise in Sachsen gezüchteter – Neapolitaner, vielleicht auch ein Spanier mit neapolitanischen Einflüssen. Evidentermaßen sehen wir in dem erhobenen Pferd eine Übung dieser Reitkunst, die in der Renaissance und im Barock der Prüfstein jedes Herrschers war. Sie war ab 1443 unter den Aragonesen in Neapel basierend auf der antiken, aus Byzanz wieder eingeführten Reitweise entwickelt worden.
Was uns August dort vorreitet, ist die sogenannte Posata.
An sich ist es kaum möglich, aus einer statisch erhobenen, relativ flachen Haltung eines Pferdes zu sehen, ob es eine Posata, eine ihr eng verwandte Pesade oder den Sprung der Courbette ausführt. In diesem Fall ist es jedoch recht sicher, dass es sich um eine Posata handelt.
Denn vor August dem Starken ließ sich schon ein anderer Wettiner auf seinem Pferd in der gleichen Haltung abbilden: Christian I. Und auch dieser „kopierte“ nur.
Von diesem Reiterstandbild Christian I. auf dem Pirnaischen Tor wissen wir relativ wenig. Es überdauern nur ungenaue Skizzen. Im Rahmen des Festungsumbaus und der Erweiterung der Stadt nach Osten wurde das Pirnaische Tor 1590/91 als repräsentatives Bauwerk im Renaissancestil durch den aus Nürnberg stammenden Bau- und Oberzeugmeister Paul Buchner als Ersatz von Frauentor und Kreuzpforte neu errichtet. Bei der Belagerung Dresdens durch preußische Truppen im Siebenjährigen Krieg im Jahr 1760 wurde es durch Beschuss beschädigt und das 1593 vom Bildhauer Andreas Walther geschaffene lebensgroße Reiterstandbild Christian I. zerstört. 1820 erfolgte der vollständige Abriss.
Sieht man sich nun aber die Skizzen dieses verschollenen Reiterstandbildes genauer an, so ähneln sie nicht nur dem Goldenen Reiter, sondern auch einem Bild Pisanellos vom geplanten Reiterstandbild Alfonsos V. von Trastamara in Neapel. Dieses sollte Mitte des 15. Jahrhunderts von Donatello erstellt werden, und wäre das erste sich erhebende Reiterstandbild gewesen. Es wurde jedoch nie fertiggestellt. Es überdauern lediglich die Skizze und der Kopf des Pferdes, die Protome di Carafa. Man kann jedoch ausmachen, dass Alfonsos Statue in der Posata dargestellt werden sollte, genau wie das Pferd Christian I. später abgebildet wird. Die Ehre des ersten sich hebenden Reiterstandbilds geht damit wohl nach Sachsen. Die Idee kam jedoch, wie es scheint, aus Neapel.
Was die Haltung des Pferdes betrifft: Die Pesade kannte man zu Alfonsos Zeiten noch nicht und, soweit man weiß, sprang erst Alfonsos Enkel, Alfonso von Kalabrien, mit seinem Pferd Schulsprünge. Wir können also sagen, dass die dargestellte Übung eine Posata ist, also ein Anhalten auf der Hinterhand mit kurzem Heben der Vorhand.


Jetzt mögen Sie sich fragen, warum ein Kurfürst von Sachsen einen über hundert Jahre vor ihm verstorbenen König von Neapel nachahmen sollte. Den meisten wir heute der Name Alfonsos von Aragon nichts sagen. Aber seien Sie beruhig: Alfonso hat die Ehre verdient.
Durch seinen Import persischer Nisäer, die man damals bereits als Türken bezeichnete, der ab spätestens 1443 begann und seine engen Beziehungen zur byzantinischen Elite und ihren Söldnern, insbesondere Skanderbeg und seinen Stradioten, kam es unter Alfonso und seinem Sohn Ferrante zur Entwicklung der Reitkunst. Eine der ersten Hauptübungen war dabei die Posata und es überdauert eine Darstellung des Königs in der Posata in einer Miniatur-Illumination seines Hofmalers. Auf seinem Triumphbogen in Neapel ist er zudem sitzend auf einem Wagen im Triumphzug dargestellt. Dieser Einzug Alfonsos nach Neapel im Jahr 1443 diente von da an als Vorbild aller späteren Paraden, also insbesondere auch der in Dresden so beliebten Inventionen. Alfonso selbst stellte damit im Übrigen einen römischen Triumphzug nach.
Die Inspiration zur Nachahmung der nie ausgeführten Statue Alfonsos durch Christian I. und sodann August den Starken wird sicherlich von Carlo Theti gekommen sein.
Dieser war nicht nur der Reitlehrer Christian I. und sein Pferdeeinkäufer. Er stammte auch aus Nola, dem Ort des Gestüts und Ausbildungszentrums der Pferde Alfonsos V. von Aragon.
Der Ort nahe Neapel ist klein und wird vom Palazzo der Aragonesen dominiert. Es besteht wenig Gefahr, dass Theti in eine andere Reitschule ging, als in die in der Tradition der Aragonesen. Der erste moderne Reitbuchautor, Federigo Grisone, entsprang ihr im Übrigen auch.
Und Christian I. – zusammen mit halb Europa – bewunderte die Süditaliener maßlos.
Zusammenfassend sagen die Autorinnen des neuen Buchs „Kurfürstlicher Stall und Stallhof Dresden – das erste Museum der Neuzeit“, dass somit August der Starke seinen Vorfahren Christian I. nachahmte und dieser wiederum dem Vorbild von Alfonso V. von Aragon folgte.
Natürlich verbirgt das Buch noch unzählige andere spannende Geheimnisse, die Sie überraschen und gut unterhalten werden.


[i] Nickel, Helmut (1989). „The Emperor’s New Saddle Cloth: The Ephippium of the Equestrian Statue of Marcus Aurelius“. Metropolitan Museum Journal. 24: 17–24. doi:10.2307/1512863. JSTOR 1512863. S2CID 192180871.
[ii] Diese Identifikation als Nisäer basiert sich nicht nur auf der Körperform des Pferdes, sondern auch auf dem nach oben gebundenen Schopf. Dies sieht man bereits auf den Apadana der Perser in Susa und Persepolis. Dieser Schopf soll eine Flamme nachbilden, da der weiße Nisäer als heiliges Opfertier des Ahura Mazda, des Schöpfergotts des Zoroastrismus diente. Oft sieht man dies in Kombination mit Hörnern. Man sagt dem Nisäer nach, er habe Hörner besessen. Ob dies eine natürliche Kalkeinlagerung war, durch gezielte Behandlung erreicht wurde, etwa einen Schlag, oder man Hörner am Zaumzeug anbrachte, ist unklar. Man sagt auch Cartujanos diese ‚Hörner‘ nach, sie finden sich jedoch auch zuweilen als Resultat von Huftritten gegen den Kopf bei jeder Art Pferd.

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