Vor allem in Mitteleuropa gibt es diese Art von Mythos, es sei eine besondere Herausforderung mit Hengsten zu arbeiten. Viele Reitställe akzeptieren keine Hengste und immer wieder höre ich, es sei so schrecklich, einen Hengst auch nur in den Stall zu lassen.
Ich reite seit vielen Jahren mehr oder weniger nur noch iberische Hengste. Daher hier ein paar Anmerkungen, nach vielen Jahren rein positiver Erfahrungen. Dies ist ein Plädoyer für den Hengst.
Warum ein Hengst?

Ich persönlich habe mich für Hengste entschieden, da ich die barocke bzw. akademische Reitweise vorziehe. Ich suche daher Pferde mit Kraft in der Versammlung. Impulsion, Federkraft und Tragkraft sind mir wichtig. Ich suche nicht nur Piaffe und Passage, sondern auch Levade und Sprung. Natürlich gibt es auch Stuten, die wunderbar in Hoher Schule gehen, aber Kraft findet man halt bei Hengsten eher.
Und ja – natürlich sehen die Herren mit ihrem Hengsthals auch sehr attraktiv aus.
Ich habe dabei charakterlich keine Nachteile feststellen können. Stuten sind oft wesentlich zickiger als Hengste. Natürlich sind Hengste (genau wie Stuten) im Frühling mehr von Hormonen beeinflusst als im Herbst. Aber etwas Rücksicht und Verständnis helfen da weiter. Ich persönlich gebe meinem Hengst im Frühjahr mit sehr gutem Resultat eine Magnesiumkur. Man sollte ansonsten halt nicht hinter einer rossenden Stute hinterherreiten. Sonst hat man entweder einen Hengst mit Kolik am Boden oder mit den Vorderhufen auf den Schultern der vorderen Reiterin.
Dabei ist klar, dass verschiedene Tiere unterschiedlich reagieren. Ich bin auch bereits einen Hengst mit einer Gruppe Stuten durch den ganzen Senegal geritten, ohne, dass es Ärger gab. Aber nicht jedes Tier reagiert so handzahm. Und auch dieses sehr liebe Exemplar musste dann mal kurz zusammen mit einer kooperativen sterilen Stute eine Pause hinter einem Gebüsch einlegen, um seinen Trieben gerecht zu werden.
Es heisst, man solle sich überlegen, ob man Zucht wolle oder Reiten. Es könne vorkommen, dass ein Hengst nach den ersten Zuchteinsätzen unberechenbarer und emotionaler werde. Ich habe dies nicht so nachvollziehen können. Mein Hengst ist noch genauso im Verhalten wie zuvor.
Das Positive: Hengste sind oft anhänglicher und kommunikativer als Stuten. Man wird schnell zur Hauptbezugsperson und zum ‚Knabberpartner‘. Ich habe regelmäßig ein weiches Maul auf meiner Hand und grüne Spuren auf dem T-Shirt. Hengste brauchen jedoch auch viel Zuwendung, vor allem, wenn sie nicht in der Herde stehen. Man muss als Reiter da sein und kann das Pferd nicht einfach mal ‚alleine lassen‘.
Artgerechte Hengsthaltung
Auch ein Hengst braucht artgerechte Haltung. Man muss sich aber im Klaren sein, dass ein Hengst sich in der Natur mit den anderen Hengsten um die Stuten schlägt. Der Stärkere gewinnt, der Schwächere wird vom Wolf gefressen oder lebt allein. Nur ein Hengst unter 5 bis 6 bekommt die heißbegehrte Stutenfamilie und die lieblichen Fohlen. Und diese Frage wird mit extremer Aggressivität geregelt. Deswegen haben männliche Pferde Reißzähne (Hengstzähne) und einen Haken am Schneidezahn, der sich im Alter von ungefähr 7 Jahren ausbildet.
Artgerechte Haltung wird daher beim Hengst oft heißen, ihn zu einem Wallach zu stellen oder – oft nur abgegrenzt möglich – neben einen anderen Hengst. Das Stellen des Hengstes in eine Stutenherde geht nur, wenn kein anderer Hengst dabei ist. Leider kann es auch dann noch immer Ärger geben. Oft verletzt eine Stute den Hengst durch einen Hufschlag. Es kommt auch vor, dass Hengste Stuten töten (das habe ich leider selbst erlebt). Es kann auch erst einmal alles gut gehen, aber dann kommt jener gewisse Tag im Frühling… mein eigener Hengst toleriert noch nicht einmal Wallache, obwohl er mit ihnen aufgewachsen ist.
Man hat mir oft gesagt, es solle eine Auslese erfolgen und man solle halt nur liebe Hengste auch Hengste bleiben lassen. Dieses Auslesekriterium wäre gegen jede Natur. Der stärkere Hengst gewinnt, nicht der Schwache. Dass ein Hengst sich mit anderen Hengsten schlägt, ist kein negatives Kriterium für die Zucht (auch wenn man natürlich reißende Ungeheuer auslesen sollte).
Das heißt – leider – dass ein Hengst zumeist in einer Box oder auf einem Hengst-Paddock gehalten wird. Mit so viel Sozialleben wie halt möglich ist. Aber machen wir uns nichts vor: 90 % aller Stuten und Wallache leben genauso. Ein Pferd ist ein Nutztier und kein Wild- oder Zootier. Und wir Menschen sitzen ja auch den ganzen Tag im Büro, ohne, dass man uns bemitleidet. Hengstbesitzer sind (und sollten es sein) fast immer fortgeschrittenere Reiter. Hengste haben es daher in der Regel besser als die Stuten und Wallache, die man in der Reitschule im Kreise treibt, jede Stunde ein anderer Anfänger im Sattel. Man denkt vielleicht, das Pony, dass auf dem Schlammplatz in der Gruppe steht, sei besser dran. Mitnichten. Es wird meist herumgereicht wie ein Leihauto, ohne dass der Reiter sich die Zeit nimmt, eine persönliche Beziehung aufzubauen.
Hengste haben es oft reiterlich wesentlich besser als das Durchschnittspferd. Man trägt jedoch die Verantwortung, ihnen Auslauf und Sozialleben im Rahmen des Möglichen zu geben. Dabei muss man allerdings Gefahren für Pferd und Reiter ausschliessen.
Ein paar Basisregeln
Es gibt ein paar Regeln, die man beachten sollte.
Kleben vermeiden – Wenn man Hengste führt oder an der Hand arbeitet, haben sie oft die Angewohnheit, am Reiter zu kleben, das heißt, sich zu nahe an den Menschen heranzuschieben. Man sollte das vermeiden. Hierarchie wird bei Pferden oft mit einem Schubsen mit der Schulter geklärt. Deshalb sollte man stets darauf achten, dass das Pferd Abstand hält. Es hat nicht zu schieben, kleben oder zu stoßen. Wenn man konsequent darauf achtet, hält sich das Pferd sehr schnell daran und man bringt es auch in der Box nicht auf ‚dumme Gedanken‘.
An Pferdeäpfeln schnüffeln – Hengste lieben es, an den Exkrementen anderer Pferde zu riechen und auf den gleichen Haufen zu äpfeln oder zu urinieren. Man sollte sich jedoch im Klaren darüber sein, dass der Hengst dies im Interesse der Paarung oder in Vorbereitung eines Kampfes tut. Da ein Pferd beides nicht in Gegenwart seines Reiters tun sollte, sollte man dem Hengst nicht erlauben, im Gelände eine Degustations-Runde zu drehen. Er sollte nicht an Pferdeäpfeln riechen, während man im Sattel sitzt.

Kampf vermeiden – Ein Hengst sieht im anderen Hengst einen Gegner. Bis zum Alter von 4 Jahren kann er der beste Freund sein, aber dann kommen die Hormone. Man sollte das wissen und umsichtig sein. Mehrere Hengste auf einer Wiese können diese schnell zum Schlachtfeld werden lassen. Es gibt auch Hengstprotzverhalten, dass der Reiter ausnutzt, aber das provozieren kann.
Ein spanischer Schritt gegenüber einem anderen Hengst ist so eine Provokation. Wenn ein Hengst den anderen beeindrucken will, tut er das gern mit dem gehobenen Vorderbein. Besser, man lässt das sein.
Generell gilt: Wenn irgendwo Probleme zu erwarten sind, etwa, wegen einer rossigen Stute oder einem anderen Hengst, sollte man im Zweifelsfalle das Problem vermeiden und später wiederkommen.
Und wenn es doch einmal schiefgeht?
Wenn sich der Hengst auf der Weide eine Stute organisiert hat, und in heissen Liebeswehen das tut, was man gar nicht wollte, sollte man ihn tun lassen. Es kann extrem gefährlich sein, dazwischen zu gehen.
Ich habe selbst erlebt, wie ein lammfrommer, herzlich lieber kleiner Araberhengst einen Stallknecht schwer verletzt hat, der meinte, er müsse das junge Liebespaar trennen.
Das spricht nicht gegen Hengste, aber für einen umsichtigen Umgang. Auch eine Stute oder ein Wallach können agressiv oder gefährlich werden. Man sollte konsequent acht geben. Eine rossige Stute gehört nicht vor die Nase des Hengstes, es sei denn, man will Fohlen.
Gerade mit Hengsten sollte man sehr klar in seinen Regeln sein. Ruhe ist wichtig und auch Vorhersehbarkeit. Dann wird das feurige Streitross auch ganz bald zum herzlichen Partner. Ohne, dass man es verstümmeln muss.


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