Der berühmte Rittmeister Guérinière zeigt in seinem Buch auf einer Tafel über Trensen und Kandaren als sein offensichtlich bevorzugtes Gebiss ein einfach gebrochenes Mundstück mit S-förmig geschwungenen Kandarenanzügen und Kinnkette. Sein weltweit bekannt gewordenes Buch basiert im Folgenden auf der Annahme, dass der Reiter, den er beschreibt, dieses Gebiss benutzt.
Aus Neugier habe ich daher ein vergleichbares Gebiss aus Portugal erworben und ausprobiert (im Fall der Fälle der Link, zum Nachkaufen). Die Anzüge sind etwas kürzer und es hat keine Schaumkette. Aber es ist nahe dran.
Hier der Erfahrungsbericht.

Die Ausgangslage und das Objektiv
Mein Pferd Cosario ist ein zehnjähriger Lusitano-Hengst, den ich ein Jahr zuvor mit einem relativ geringen Ausbildungsstand gekauft habe. Er war schlecht in Form, schwerfällig durch übermässigen Schenkelgebrauch früherer Reiter, unzufrieden und hatte Probleme in der Balance, vor allem auf einem der Hinterbeine. Dies ging bis zum Lahmen. Er ist zudem (noch immer) sehr aggressiv anderen Hengsten gegenüber.
Innerhalb des ersten Jahres in meinen Besitz habe ich das Pferd unter dem wachsamen Auge meiner tiefverehrten Lehrerin Laure Guillaume, Chefin der Reitakademie von Versailles, in den Grundgangarten ausgebildet. Corsario wurde zu Piaffe und Passage gebracht und auch geradegerichtet und motiviert. Corsario geht jetzt verlässlich voran, balanciert sich und ist ruhig geworden. Keine plötzlichen Seitensprünge ins Gebüsch mehr, kein wütendes Herumtoben und auch kein Lahmen. Bisher habe ich ihn auf dem Platz mit Kandare und Unterlegtrense geritten (für die Balance) und im Gelände mit einfacher Wassertrense (damit er fressen konnte).
Ich wollte mit dem neuen Gebiss (neben der Befriedigung meiner Neugier) erreichen, dass Corsario auch im Gelände den Rücken ‚rund macht‘, da er die schlechte Angewohnheit hatte, ihn dort durchzudrücken und dann Rückenschmerzen bekam. Nach zwei Stunden Ausritt zog er spürbar die Hinterbeine nach. Ich wollte jedoch seinen Mund freihalten, damit er im Gelände grasen kann, und daher nicht die Kandare mit Unterlegtrense zur Hilfe in die Balance benutzen.

Erfahrungsbericht

Die von mir gekaufte, einfach gebrochene Kandare (die der Guérinières nachempfunden) ist zum einhändigen Reiten konzipiert. Sie ist weich im Maul, da die Stange sehr dick ist (Pignatelli-Größe), aber hart im Kinn durch die Anzüge und die Kinnkette.
Sie ist daher nur für fortgeschrittene Reiter und auch nur für bereits fortgeschrittenere Pferde geeignet. Ich halte sie wie rohe Eier in der Hand und mein Pferd genauso im Maul. Man darf nicht am Zügel ziehen, weder Reiter noch Pferd.
Die Anzüge sind im Vergleich zu denen Guérinières kurz. Das führt dazu, dass die Rundung des S etwas am Kinn anliegt. Das scheint das Pferd jedoch nicht zu stören.
Resultat der Anwendung war eine positive Korrektur meiner eigenen Hand, da ich gezwungen war, diese nicht mehr nach hinten zu ziehen oder von der anderen Hand zu entfernen, was mir ab und an noch passierte. Die Zügel bleiben gleichlang und die Hand sehr gut kontrollierbar immer vorm Sattel.
Dies ist exzellent im Training. Man gewöhnt sich ab, ständig etwas im Maul des Pferdes zu wollen. Die linke Hand geht nach vor auf den Mähnenkamm und da bleibt sie. Die rechte gibt mit der Gerte Zeichen (sowohl rechts als auch links) und wenn sie das nicht tut, wird sie aufgestellt vor dem Körper getragen. Ein leichtes Summenlassen der Gerte gerade über dem Mähnenkamm motiviert das Pferd voranzugehen. Man kann die Hand wechseln, wenn das Pferd das Bein wechselt. Ich tue dies nicht. In der alten Reittradition tat man dies ebenfalls nicht, da man die rechte Hand als Schwerthand brauchte. Aber nichts spricht dagegen.
Die Richtung wird mit Sitz, Bein und einem leichten Drehen der Hand gewechselt. Die alten Rittmeister beschreiben dies mit ‚Fingernägel nach oben drehen‘. Wen es interessiert, der kann bei Guérinière im Detail nachlesen. Ich finde, dies ist relativ evident und bedarf keiner wirklichen Erklärung. Wichtig ist, losgelassen sitzenzubleiben und sich nicht zu verdrehen.
Ob der Bruch des Gebisses einen großen Einfluss hat, ist schwer zu sagen. Durch die Kandare geht das Pferd kaum angelehnt und sehr leicht. Nicht, weil sie so hart ist, sondern weil Corsario weiß, dass sie so hart ist. Er passt auf und ich passe auf. Im Fazit bekommt er weniger Druck im Maul als zuvor und ich habe weniger Arbeit.
Corsario reagiert auf den Wechsel extrem positiv. Er bekommt mehr Verantwortung dafür, sich selbst zu tragen, hat mehr Freiheit seine Balance zu suchen und wird nicht mehr gestört. Durch meine einhändige Haltung tritt er auch besser unter und ich sitze besser hinten ein. Er macht auf mich einen sehr zufriedenen Eindruck. Auch Fehler, wie das Anspringen auf dem falschen Bein im Galopp haben sich in Luft aufgelöst (was mir sagt, dass der Fehler von meiner Hand oder Drehung kam).
Alles in allem daher: Helle Begeisterung. Das Gebiss ist dem erfahrenen Reiter voll empfohlen. Mein Pferd-und-Reiter-Team hat damit einen Quanten-Sprung hingelegt.



Kommentar verfassen